Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
Dachverband Gemeindepsychiatrie
Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Vergissmeinnicht – Psychiatriepatienten und Anstaltsleben um 1900

Seit geraumer Zeit erfährt die Forschung zur Geschichte der Psychiatrie durch die Einbeziehung der Psychiatriegeschichte von innen bzw. von unten, derjenigen aus der Perspektive der Patientinnen und Patienten, eine bedeutsame und notwendige Weiterentwicklung. Waren in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts die Berichte von Psychiatriepatienten über ihren Anstaltsaufenthalt noch als »Irrenbroschüren« denunziert worden, so werden diese Zeugnisse heute als wichtige Dokumente zum Verständnis des Alltags und der Wahrnehmung der Psychiatrie durch die Betroffenen wahr- und ernstgenommen.

Auch die von Hans Prinzhorn in Heidelberg zusammengetragenen und in der »Bildnerei der Geisteskranken« vorgestellten »schizophrenen Bildner« sollten seinerzeit einen »Beitrag zur Psychologie und Psychopathologie der Gestaltung« (Prinzhorn) leisten. Dieser Schatz mit mehr als 6.000 Zeugnissen wird nun in einem umfangreichen Buch auf eindrucksvolle Weise zugänglich gemacht. Die Autorinnen Ingrid von Beyme und Sabine Hohnholz sind als Kuratorin bzw. wissenschaftliche Dokumentarin und Archivarin in der Sammlung Prinzhorn der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg prädestiniert für ein solches Unterfangen.

Ihr Buch »Vergissmeinnicht – Psychiatriepatienten und Anstaltsleben um 1900« schreibt eine gleichnamige Ausstellung aus dem Jahr 2010 fort. Das Buch berücksichtigt 200 Werke von 76 Patientenkünstlern aus Universitätskliniken, Heil- und Pflegeanstalten und Privatanstalten des gesamten deutschsprachigen Raums.

Die Autorinnen haben eine inhaltliche Gliederung in zehn Kapitel vorgenommen, die verschiedene Aspekte repräsentieren (u.a. Einweisung, Behandlungsmethoden, Porträts von Ärzten, Pflegern und Mitpatienten, Bewältigungsstrategien angesichts seelischer Nöte). Jedem Kapitel ist eine Einführung vorangestellt, die das Thema kompetent psychiatriegeschichtlich einordnet. Im Folgenden werden einzelne Patientenkünstler und ihre Arbeiten vorgestellt. Diese Texte bieten biografische Informationen und teilweise ausführliche Beschreibungen und Interpretationen der ausgewählten Werke und bestechen durch die Zusammenführung kunst- und kulturgeschichtlichen Wissens mit dem der Psychiatriegeschichte.

Dabei wird auch deutlich, dass viele der Patientenkünstler – entgegen dem prinzhornschen Postulat der Nutzung der Arbeiten für die Erkenntnis eines ursprünglichen Gestaltungswillens – über künstlerische oder kunsthandwerkliche Ausbildungen oder Erfahrungen verfügten, die sie in ihren Arbeiten bewusst einsetzten, um sich mitzuteilen und mit ihren Botschaften bestimmte Ziele zu verfolgen. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die im Titel »Vergissmeinnicht« herausgestellte Angst vor dem Vergessenwerden durch die Arbeiten, bei denen mit Malerei, Zeichnungen, Bildgeschichten, Texten und Briefen, aber auch Stickereien und Skulpturen ein großes Spektrum künstlerischer Techniken und Ausdrucksformen angewandt wurde.

Thomas Jakob Astor, Lehrling eines Kunstmalereigeschäftes in Mannheim, kam schon als Jugendlicher in die Heidelberger Universitätsklinik. In einem mit Blumenschrift verzierten Brief bittet er seine Mutter: »Ich möchte gerne nach Hause zu dir, denn in Heidelberg gefällt es mir nicht mehr, denn ich habe Heimweh nach dir. Also sei so gut und komme und hole mich ab.« Doch dieser eindringliche und anrührende Hilferuf erreichte die Familie nicht. Denn wie in vielen anderen Fällen auch wurde der Brief des Jungen nicht an die Adressatin weitergegeben, sondern in die Krankenakte geheftet. Über Thomas Jakob Astors weiteres Schicksal ist wenig bekannt.

In vielen anderen Fällen sind die Lebensgeschichten der Patientenkünstler durch die Recherchen der Mitarbeiter der Sammlung Prinzhorn inzwischen gut dokumentiert. Nur wenige kehrten nach ihrer Entlassung aus der Psychiatrie in ein bürgerliches Leben zurück. Auch die aus der Schweiz stammende Schneiderin Elise Mahler, die aus Pappe einen Pokal gestaltete, auf den sie »Bitte um Erlösung in die Heimat« schrieb, blieb bis zu ihrem Tod mit 83 Jahren in der Anstalt Rheinau.

Einige der vorgestellten Patientenkünstler fielen den »Euthanasie«-Verbrechen zum Opfer. Zu den ermordeten Patientenkünstlern zählt Alois Dallmayr, der auf einem »Gewalt gegen Schwerhörige« überschriebenen Blatt eine Telefonwählscheibe zeichnete, die statt Zahlen Begriffe von Gewalt- oder Strafaktionen auflistet und damit die Erfahrung vieler Patienten von Willkür und Hilflosigkeit eindrücklich darstellt.

Dieses Buch ist eine großartige Fundgrube für die Alltagsgeschichte der Psychiatrie und für regional- und institutionsgeschichtliche Studien.

Thomas R. Müller in Soziale Psychiatrie

Letzte Aktualisierung: 24.04.2019