Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
Dachverband Gemeindepsychiatrie
Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Eine vergessene Geschichte: Psychiatrische Sozialarbeit in Deutschland

»Sofort alle Seiten gelesen, hellwach geworden und begeistert« – mit diesen Worten könnte sich die Rezension erschöpfen, wenn nicht ein erheblich nüchternerer Informationsanspruch der Leserschaft bestünde. Also sachte: Die Herausgeber, Burkhart Brückner, Hochschullehrer für Sozialpsychologie an der Hochschule Niederrhein, Mönchengladbach, und Franz-Werner Kersting, Westfälische Wilhelms-Universität Münster, haben zusammen mit drei gestandenen Sozialarbeiterinnen ein seit Langem überfälliges Vorhaben begonnen: die Geschichte der psychiatrischen Sozialarbeit der 1960er- bis 1990er-Jahre zu beschreiben.

Ilse Eichenbrenner, Susanne Ulrich und Waltraud Matern sind als Sozialarbeiterinnen beteiligte Zeitzeuginnen, Expertinnen und Einordnende zur Wirkung und Bedeutung psychiatrischer Sozialarbeit, sei es im Berlin der »wilden 1970er-Jahre« (Eichenbrenner), in Rostock mit »geschützten Brigaden« (Ulrich) oder eben in einer klassischen Langzeitklinik der 1960er-Jahre mit »1.800 Betten in Eickelborn« (Matern). Eine gelungene Mischung aus Stadt-Land, West-Ost, ambulant-stationär, aufmüpfiger-zentralistischer Sozialarbeit.

Besonders wertvoll ist die von Ulrich Kießling aus Leipzig vorgenommene Rekonstruktion psychiatrischer Sozialarbeit in der DDR, da sie die Unterschiede im Ost-West-Bezug spürbar macht. Er zeigt auf der einen Seite eine von Theoriearmut geprägte DDR-Sozialarbeit und auf der anderen Seite die nach 1990 einsetzende Kolonialisierung der DDR mit »westlichen Prinzipien«. So überrascht es aus DDR-Sicht nicht, wenn, wie Susanne Ulrich berichtete, beim absenten Alkoholkranken zur Not die Arbeitsbrigade vorbeikam, um diesen an seinen Arbeitsplatz zu begleiten.

Imponierend ist Brückners detailreiche, mit Zahlen und Dokumenten hinterlegte analytische Darstellung. Kersting, in Westfalen und bundesweit zu den ausgewiesenen Psychiatriehistorikern zählend, mahnte schon vor Jahren, es sei notwendig, auch die Geschichte der psychiatrischen Sozialarbeit zu schreiben. Dass dies mit Beteiligung der Sozialarbeiterinnen gelang, ist auch ihm zu verdanken.

Vielleicht ist der Anspruch des Buches, »die« Geschichte der psychiatrischen Sozialarbeit in Deutschland geschrieben zu haben, etwas verfrüht postuliert. Zahlreiche sozialarbeiterische Akteure der Psychiatriereform können sicherlich noch mehr als ein Wörtchen mitschreiben, sei es als Mitarbeitende des Maßregelvollzugs, der Kinder- und Jugendpsychiatrie, eines der vielen Träger der Gemeindepsychiatrie sowie des einen oder anderen Dienstes der ehemaligen DDR.

Mir scheint auch, die Einflüsse der staatlichen Fachhochschulen für Sozialarbeit, die seit 1970 »wie Pilze aus dem Boden sprossen« sind noch etwas kurz gekommen. Auch die im Buch bereits benannte Rolle der DGSP und ihrer Landesverbände mit ihren vielfältigen Einflüssen auf die psychiatrische Sozialarbeit, nicht zuletzt durch ihre Weiterbildungsangebote, gebührt nach Meinung des als langjährigem DGSP-Mitglied durch und durch befangenen Rezensenten ein eigener Beitrag.

Aber: Insgesamt ein Buch, welches mich elektrisierte, den alten Sozialarbeiter in mir erweckte und hilft, Bedeutung und Gewicht der Soziarbeit gegenüber den anderen Professionen endlich auch hier sichtbarer zu machen. Dafür gebührt Herausgebern und Autorinnen großer Dank und die herzliche Bitte, weiterzumachen, weitere so gelungene und notwendige Publikationen wie hier in Buchform zur psychiatrischen Sozialarbeit anzugehen.

Christian Zechert in Psychosoziale Umschau

Letzte Aktualisierung: 29.07.2021