Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
Dachverband Gemeindepsychiatrie
Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Kinder- und Jugendpsychiatrie im Nationalsozialismus und in der Nachkriegszeit

Bei der wissenschaftlichen Aufarbeitung der Geschichte der Psychiatrie im Nationalsozialismus spielt die Kinder- und Jugendpsychiatrie immer dann eine zentrale Rolle, wenn es um die Morde an Kindern und Jugendlichen, die sogenannte »Kindereuthanasie«, in den Kinderfachabteilungen ging. Allen voran hatte Ernst Klee in den 1970er Jahren immer wieder darauf aufmerksam gemacht.

Dass die Verstrickungen zahlreicher Akteure, die sich vorwiegend in der Deutschen Gesellschaft für Kinderpsychiatrie und Heilpädagogik (DGKH) organisierten, erheblich komplexer, den offiziellen Alltag der Kinder- und Jugendpsychiatrie schon früh ideologisch durchdringend war, und über 1945 hinausgingen, lässt sich in dem obigen Buch detailliert nachlesen.

Im ersten Hauptbeitrag von Schepker und Fangerau führt eine Zeittafel sowie die Auflistung von ca. 70 beteiligten einflussreichen Personen und der ca. 20 involvierten Institutionen in diese Historie ein. Insgesamt 18 Fachbeiträge, die übrigens auch die Situation in Österreich und der DDR beleuchten, informieren über die jeweiligen Sachverhalte. Vermisst habe ich allein eine Auseinandersetzung mit den emotionalen und materiellen Folgen der Kinder- und Jugendpsychiatrie auf die davon betroffenen Familien und Angehörigen der Opfer.

Um es klar zu sagen: für den historischen Laien, für den betroffenen Angehörigen und auch für darin nicht geschulte Psychiatrieerfahrene ist das Buch, will man es vollständig durchlesen, eine Herausforderung. Die Fülle der Detailinformationen, der sehr gedrängte Drucksatz auf über 600 Seiten, die Vielfalt der Themen, die wenigen, aber sehr einschlägigen Abbildungen, vermitteln rasch das Gefühl der Überforderung.

Wer jedoch gründlich über die Verstrickungen der Kinder- und Jugendpsychiatrie in seiner Region informiert werden will, wer einzelne Namen der Täter, der Beteiligten, der Orte oder gar Opfer kennt, der wird in diesem Buch vielfach fündig, sei es Blankenburg, Klingenmünster, Frankfurt, Bremen, Leipzig oder einer der vielen anderen Orte. Ein sorgfältiges Stichwort- und Personenverzeichnis hilft, das Buch als Quelle zu nutzen. Somit wird es ein umfassendes und sehr nützliches Nachschlagewerk auch für den historisch interessierten Laien.   

Christian Zechert in Psychosoziale Umschau

Letzte Aktualisierung: 10.07.2019