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Psychiatrie Verlag

Die Elektrokrampftherapie und ihr Apparat

Die Elektrokrampftherapie hat eine lange und wechselhafte Geschichte. Es hat Zeiten gegeben, in denen sie verpönt gewesen ist. Es gibt Zeiten, in denen die Elektrokrampftherapie als Elektrostimulationsmethode Konjunktur hat. Die Tatsache, dass die Elektrokrampftherapie in der Gegenwart wieder verstärkt diskutiert wird, hat sicher dafür gesorgt, dass Max Gawlich einen historischen Blick gewagt hat.

Er blickt kritisch auf die Anwendung der Elektrokrampftherapie als Stimulationsverfahren. Die Beherrschung des Verfahrens, das die regelmäßigen Effekte durch ausreichende Reize sicherstellte, habe sich gegen eine ätiologische Bestimmung von Krankheit in den Vordergrund geschoben (S. 316). Er betont, »dass sich Formen der Genesung herausbildeten, die nicht Heilung von Krankheit darstellten, sondern soziale Adaptibilität und Funktionalität betonten« (S. 323).

Gawlich geht es nicht darum, der Elektrokrampftherapie eine klare Absage zu erteilen. Damit entgeht er der Gefahr, sich ideologisch mit derselben zu beschäftigen. Er stellt die Elektrokrampftherapie in den Gesamtzusammenhang therapeutischer Entwicklungen zum Ende der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er schaut auf die therapeutische Erprobung und Entwicklung im Wechselspiel von Ingenieuren, Ärzten, Patienten und Pflegern und blickt dafür exemplarisch in große Kliniken verschiedener Nationen, die eine spezifische Anwendung der Elektrokrampftherapie praktizierten.

In seinen Blick geraten die »Aufschreibesysteme der Krampftherapie«, »Morphologien des Apparates« und die »Behandlungspraktik«, und am Ende stellt Gawlich fest: »Die Abwesenheit einer schlüssigen psychiatrischen Ätiologie verhinderte ein Wissen von der Krankheit und ihrer Behandlung, wie es von der klinischen Pathologie der chirurgischen und infektiösen Erkrankungen her gewohnt war« (S. 227).

Die Geschichte der Elektrokrampftherapie macht deutlich, dass sie auf sandigem Boden steht. Nichtsdestotrotz wird die Elektrokrampftherapie bis heute gerne genutzt. Der sandige Untergrund ist geblieben. Deshalb bleibt Skepsis angemessen.

Christoph Müller in Psychosoziale Umschau

Letzte Aktualisierung: 15.04.2019