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Psychiatrie Verlag

Trübsinn und Raserei - Die Anfänge der Psychiatrie in Deutschland

Die Monografie "Trübsinn und Raserei" hat die Anfänge der Psychiatrie in Deutschland zum Thema. Ihr Autor Dietrich Geyer, früherer Ordinarius für osteuropäische Geschichte an der Universität Tübingen, ist, wenn man es genau nimmt, nicht vom Fach. Denkbar, dass dies ein Grund ist für die teilweise hämische und oftmals nicht gerechtfertigte Kritik an diesem Buch. Oder ist es der Zugang zu diesem Thema, der diese Reaktionen provoziert?

Reflektierende Erzählung

Denn im Unterschied zu manch theorielastigem Lehrbuch nimmt sich Geyer die Freiheit der "reflektierenden Erzählung", bei der er auf sein fundiertes Wissen der deutschen und europäischen Geschichte zurückgreift und mit einem ausgiebigen Quellenstudium der zeitgenössischen psychiatrischen Literatur beeindruckt.

Zu den faszinierendsten Figuren dieser sich gründenden neuen Disziplin zählte der Hallenser Arzt Johann Christian Reil, der das Wort "Psychiatrie" (1808) erfand und bereits zuvor in seinen "Rhapsodieen über die Anwendung der psychischen Curmethode auf Geisteszerrüttungen" (1803) eine aufrüttelnde Anklage gegen die unmenschlichen Zustände in der damaligen Irrenversorgung verfasste und seine Vorstellungen von einer Idealanstalt darlegte.

Dagegen sah Johann Heinrich Ferdinand Autenrieth, der in Tübingen auch Hölderlin behandelt hatte, in der Einrichtung von Irrenanstalten eine Überforderung der Ärzte und setzte sich für eine dezentrale Unterbringung in lokalen Amtstuben ein, die er mit seinem "Authenriethschen Zimmer" ausstatten wollte. Horn, Langermann, Heinroth, Hayner, später Jacobi, Roller, Zeller und Damerow, die Liste der von Geyer porträtierten Repräsentanten der ersten und zweiten Psychiatergeneration ist lang.

Häufig auf sich allein gestellt

Häufig waren sie auf sich allein gestellt. Ausgedehnte Studienreisen mussten die fehlende Ausbildung an den Universitäten ersetzen. Publikationsorgane wie die seit 1818 von Christian Friedrich Nasse herausgegebene "Zeitschrift für psychische Aerzte" ermöglichten den wissenschaftlichen Austausch. Veröffentlicht wurden Fallgeschichten und statistische Erhebungen, aber auch Abhandlungen über neue Methoden wie das aus England kommende und in Deutschland lange Zeit äußerst umstrittene, auf jeglichen Zwang verzichtende Konzept des "Non-Restraint" und Beiträge zu Modeströmungen wie dem "Mesmerismus".

Geyer befasst sich im Kern mit der Zeit der Aufklärung, Romantik und des Biedermeier von Anfang bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Dabei macht der Autor die Periode der Herausbildung und Etablierung der Psychiatrie in Deutschland lebendig, indem er ihre Protagonisten nicht nur als Träger von Ideen vorstellt, sondern als handelnde Personen, die für sich die Erfahrungen, insbesondere in England und Frankreich, nutzbar machten oder ihre Überzeugungen aus der eigenen Praxis schöpften, die sich verbündeten oder den Widerstreit suchten.

Irreführend ist der Buchtitel

Irreführend ist daher der Buchtitel, denn gerade die Entwicklung der Terminologie psychischer Erkrankungen und die Schicksale der von "Trübsinn" und "Raserei" Betroffenen stehen nicht im Fokus des Buches. Schwierig auch das letzte Kapitel, in dem der Autor eine "Exkursion in Richtung Gegenwart" wagt. Zwar trägt Geyer viele Aspekte zusammen, die die heutige Psychiatrie kennzeichnen, doch gerät hier der assoziative Stil an seine Grenzen, der die Komplexität der aktuellen Situation lediglich anzudeuten vermag.

Trotz dieser Einschränkungen: Geyers Buch ist eine Fundgrube zur Psychiatriegeschichte mit Texten, Dokumenten, aber auch Anekdoten eines sich formierenden Faches, das sich zunächst als philosophische Disziplin verstand, spätestens durch Wilhelm Griesinger eine naturwissenschaftliche Ausrichtung erhielt und den Anschluss an die Medizin anstrebte. Wer auf die heute übliche Wissensvermittlung mit übersichtlichen Darstellungen und fett gedruckten Merksätzen geeicht ist, wird für den hier gepflegten Stil vielleicht nicht die nötige Geduld aufbringen. Für eine vertiefende Beschäftigung mit den Anfängen der Psychiatrie in Deutschland kann dieses Lese-Buch jedoch empfohlen werden.

Thomas R. Müller in Soziale Psychiatrie

Letzte Aktualisierung: 27.03.2017