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Psychiatrie Verlag

Maries Mörder - Die Geschichte einer Spurensuche

Im Mittelpunkt des Buches "Maries Akte. Das Geheimnis einer Familie" stehen zwei Frauenschicksale: Die eine, Marie, die Schwester des Großvaters der Autorin kommt Ende der 20-er Jahre in die Psychiatrie und wird eines der ersten Opfer der Euthanasie. Die andere, Magdalena, die Großtante Maries, behauptete, dass ihr die Mutter Gottes erschienen sei, und löste nach ihrer wundersamen Heilung von einer mysteriösen (psychischen?) Krankheit eine Pilgerbewegung aus, die ihren Heimatort Ende des 19. Jahrhunderts zum "böhmischen Lourdes" werden ließ.

Unheimlichen Parallelen der Lebensgeschichten

Die unheimlichen Parallelen zwischen den Lebensgeschichten der beiden Frauen waren ein gut gehütetes Familiengeheimnis, das die Autorin Kerstin Schneider behutsam und doch entschlossen aufzudecken versucht. Dabei gelingt ihr eine Reportage, spannend wie ein Krimi.

Auf der Suche nach den Wurzeln ihrer Familie recherchiert die Autorin in der sächsischen Provinz und in dem jenseits der Grenze gelegenen Städtchen Filipov, ehemals Philippsdorf. Sie reist in die Psychiatrie nach Arnsdorf bei Dresden, wo Marie 1928 wegen "religiösen Wahnsinns" interniert wurde, und nach Großschweidnitz, wo sie 1941 ermordet wurde. Sie sucht nach der Enkelin von Marie und lernt schließlich Bärbel, eine ihr bis dahin unbekannte Verwandte aus Dresden kennen.

Und sie deckt die unglaubliche Karriere des gescheiterten Medizinstudenten Robert Herzer auf, der durch politisches Wohlverhalten eine Hilfsarztstelle in der Psychiatrie bekam und zu Maries mutmaßlichem Mörder wurde. Nach seiner Verurteilung 1947 im Dresdner "Euthanasie"-Prozess arbeitete er im Gefängnis als Arzt bis er nach seiner späteren Entlassung im Westen als medizinisch-psychologischer Leiter beim TÜV Karriere machte.

Spürbare persönliche Betroffenheit

Souverän bewältigt die Autorin den Spagat zwischen der durch Akten und Dokumente rekonstruierten Vergangenheit und der bei den Nachforschungen erlebten Gegenwart, zwischen den großen Themen deutscher Geschichte und den individuellen Schicksalen. Dass es der Autorin dabei gelingt, immer wieder auf den Kern des Buches, nämlich die Lebensgeschichten der beiden Frauen zurück zu kommen, zeigt, dass die Stern-Redakteurin Kerstin Schneider ihr journalistisches Handwerk vorzüglich beherrscht.

Aber es ist auch die spürbare persönliche Betroffenheit, die den Leser fesselt und dafür sensibilisiert, wie nah beieinander die Verehrung als Heilige und die Vernichtung als Geisteskranke liegen können.

Thomas R. Müller

Letzte Aktualisierung: 28.03.2017