Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
Dachverband Gemeindepsychiatrie
Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Von allen guten Geistern

Im Jahr 1864 gab es auf dem Hamburger Heiligengeistfeld ein erstaunliches Schauspiel zu betrachten: Ein Mann ließ dort öffentlich Zwangsjacken versteigern. Sein Name: Dr. Ludwig Meyer, Direktor und Gründer der gerade errichteten Heil- und Pflegeanstalt Friedrichsberg. Der Psychiater ließ die Zeitungen darüber berichten, denn er wollte für das von ihm in Hamburg eingeführte Non-restraint-Prinzip werben, das zuerst 1839 in England von John Conolly in einer Einrichtung praktiziert wurde und auf Strafe und Zwang bei psychisch Kranken verzichtete. Von dieser historischen Figur – und der verbürgten Zwangsjackenversteigerung – hat sich Andreas Kollender zu einem packenden Roman inspirieren lassen, der um eine Frage kreist: Warum verließ Meyer bereits zwei Jahre später Hamburg und ging nach Göttingen, wo er 1866 zum ordentlichen Professor der Universität Göttingen und Direktor der Heil- und Pflegeanstalt berufen wurde?

Nur der Karriere wegen? Den schnellen Abschied Meyers von seinem „Baby“ Friedrichsberg, wo er immerhin die erste zwangsfreie Unterbringung psychisch kranker Menschen in Deutschland verwirklichte, nutzt Kollender jedenfalls, um zu spekulieren und eine brillante Geschichte von Aufstieg und Fall zu erzählen, von Irrtümern und Intrigen, von Liebe und Verrat. Kollender lässt seinen Ludwig Meyer 1880 mit einer depressiven Patientin im Schlepptau nach Hamburg zurückkehren. Grund: Seine große Liebe, die berühmte Schauspielerin Fanny Nielsen, ist auf dem Sprung nach Amerika und gibt ihre Abschiedsvorstellungen. Noch einmal möchte er sie sehen.

Doch er hat auch noch alte Rechnungen zu begleichen. Denn das, was in jenen zwei Jahren in Friedrichsberg geschah und letztlich zu seinem Abgang führte, konnte er nie verwinden. Als er sein Quartier in der alten Villa seiner Eltern aufschlägt, sind die Erinnerungen wieder da, kommen ihn alte Dämonen besuchen. Hier wurde seine Mutter schwer gemütskrank, von hier brachte sie der Vater in das Allgemeine Krankenhaus St. Georg, wo sie elendig zugrunde ging. Damals schaute der junge Ludwig genau hin, und was er in den Kellern von St. Georg sah, ließ ihn nie wieder los, trieb ihn schließlich zu seiner Profession als Irrenarzt. Seiner Patientin und seiner Schwester erzählt er nun, was sich in jenen dramatischen Jahren zutrug und warum er noch einmal Friedrichsberg und seinem Leiter einen Besuch abstatten muss…

Der historische Ludwig Meyer (1827 bis 1900) ist eine faszinierende Figur. Als Student der Medizin in Bonn beteiligte er sich zusammen mit dem späteren US-Innenminister Carl Schurz und dem Schriftsteller Friedrich Spielhagen an der Revolution von 1848/49 und nahm am Sturm auf das Siegburger Zeughaus teil, was ihm u.a. mehrere Monate Festungshaft einbrachte. Erst 1850 konnte er sein Studium in Würzburg, später in Berlin fortsetzen, wo er 1852 an der Charité zum Dr. med. promoviert wurde. 1857 wurde er Oberarzt, habilitierte sich im selben Jahr und wechselte 1858 als Oberarzt nach St. Georg ins Allgemeine Krankenhaus. Hier sollte er die Behandlung psychisch Kranker reorganisieren, die menschenunwürdig in schimmeligen Kellerräumen dahinvegetierten, völlig isoliert von den „normalen“ Kranken in den Geschossen darüber.

Den Plan, diesen unhaltbaren Zustand zu beenden und die „Irren“ in einer separaten Anstalt unterzubringen, gab es schon seit 1841, aber der große Hamburger Brand von 1842 verhinderte dessen Umsetzung. Erst nach dem Wiederaufbau der Stadt nahm man 1860 die Pläne wieder auf, dann ging es aber auch ganz schnell: Am 5. Dezember 1861 wurde der Grundstein gesetzt, und im Oktober 1864 waren bereits das Hauptgebäude sowie das erste Pensionsgebäude fertiggestellt. Maßgeblich nach den Plänen von Meyer wurde die „Separat-Irrenanstalt“ Friedrichsberg gestaltet. Zur Beherbergung von Patienten, die der zahlungskräftigen Mittel- und Oberschicht entstammten, wurden zwei separate Gebäude – eines für Frauen, eines für Männer – errichtet, die sogenannten Pensionate. Hier gab es nur Doppel- und Einzelzimmer, die von den Angehörigen eingerichtet wurden. Im Frauenpensionat waren ein Klavier- sowie ein Lesezimmer vorhanden, für die Männer hatte man ein Billard- sowie ein Raucherzimmer ausgestattet.

Auch das Hauptgebäude war in eine Frauenabteilung im Westteil und eine Männerabteilung im Ostteil gegliedert. Die Menschen, die hier in Krankensälen mit vier und mehr Betten untergebracht waren, konnten für ihren Aufenthalt kaum oder gar nicht finanziell aufkommen. Die als aggressiv eingestuften Patienten kamen in den Zellentrakt. Alle Gebäude lagen in einem weitläufigen Park. Es gab auch keine vergitterten Fenster mehr und Besuchsbeschränkungen für Angehörige. In Deutschland galt dies als revolutionär.

Alles wunderbar also? Nicht so ganz. Kollenders Meyer muss gegen Ignoranten ankämpfen, die an Zwangsjacken wie an einem Fetisch hängen, die den Kranken jegliche Menschlichkeit absprechen und das Rad zurückdrehen wollen. Dabei brüskiert er aber auch seine Umgebung, zeigt erstaunlicherweise als Psychiater wenig Menschenkenntnis und wird gerade deshalb angreifbar. Und dies ist die Stärke dieses Romans: die differenzierte Charakterzeichnung der Hauptfigur. Ludwig Meyer ist ein Getriebener, ein von seiner Sache Besessener und Besserwisser, der sich am liebsten um alles selber kümmert. Der mit Arbeitswut sein Projekt einer humanen Psychiatrie verfolgt, dabei aber sein persönliches Glück aus den Augen verliert.

„Von allen guten Geistern“ ist eine bewegende, spannende Tour in die Frühzeit der Psychiatrie, wo die Kranken weggesperrt und vergessen oder mit Folterpraktiken „behandelt“ wurden. Insbesondere Kollenders Schilderungen der Leiden dieser Menschen in dunklen, feuchten Kellerverliesen, gedemütigt und sadistisch gequält von grobschlächtigen „Pflegern“, berühren besonders. Mit Ludwig Meyer, das macht er deutlich, änderte sich der Umgang mit den „Irren“, der Ton wurde freundlicher. Stilistisch hervorragend geschrieben und aufgebaut, ist dieser Roman somit auch eine verdiente Würdigung einer der ganz großen Gestalten der humanen Psychiatrie. Absolut lesenswert!

Michael Freitag in EPPENDORFER

Letzte Aktualisierung: 17.05.2018