Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
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Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Das Wort Psychiatrie … wurde in Halle geboren - Von den Anfängen der deutschen Psychiatrie

Eine Buchbesprechung kann so nur andeuten, wie aktuell die historische Rückbesinnung auf die Wurzeln der Psychiatrie ist. Den Autoren gelingt es in ausgezeichneter Weise, diese Zusammenhänge unaufdringlich aufzuzeigen und zugleich durch ausgiebige Zitate aus den Originaltexten deren geschichtliche Einbindung zu wahren und zu vermitteln.

Im Zentrum des Interesses

Marneros und Pillmann, beide an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg tätig, Marneros als Ärztlicher Direktor und Lehrstuhl-Inhaber, würdigen in ihrem Buch den Beitrag, den einige Persönlichkeiten aus bzw. in Halle für Entstehung und Entwicklung der deutschsprachigen Psychiatrie geleistet haben.

Im Zentrum des Interesses steht hierbei Johann Christian Reil (1759 – 1813), der vor ungefähr 200 Jahren die Psychiatrie als selbstständige Wissenschaft begründet und in diesem Zusammenhang auch das Wort "Psychiatrie" geprägt hat. Aus Sicht seines Schöpfers habe dieser Begriff von Anfang an nicht nur beinhaltet, "medizinisch-chemische" Wissenschaft zu sein, sondern auch eine untrennbare Einheit mit Psychosomatik und medizinischer Psychologie dargestellt. Dass ein solcher Anspruch ganzheitlichen Denkens auf das Engste mit einer philanthropischen Haltung verwoben war, wird auch mit der Bezeichnung als "deutschen Pinel" deutlich, den Reil sich sowohl durch seinen praktischen Einsatz für die psychisch Kranken, als auch auf dem Gebiet der Theorie durch sein Hauptwerk, die "Rhapsodieen" (wörtl.: "zusammengeknüpfte Themen") erworben hat.

Das Wort "Psychiatrie" geprägt

Es handelt sich hierbei um eine Art Lehrbuch, das die institutionellen, psychopathologischen und therapeutischen Grundlagen des neuen Fachs darstellt und dabei immer wieder auf die Notwendigkeit hinweist, den Zusammenhang zur Gesellschaft wahrzunehmen ("Das Tollhaus ist im Kleinen, was die Welt im Großen ist") und das Schicksal der psychisch Kranken zu ändern ("Unser Verhalten gegen die Tollhäusler; warum es nicht zu billigen ist"). Wen das Buch auf den Gesamttext der Rhapsodieen gespannt gemacht hat, der wird im Internet unter der Adresse www.sgipt.org/gesch/reil/r03-iv.htm fündig. Noch zwei weitere Persönlichkeiten werden neben Reil in dem Buch ausführlich vorgestellt: Zum einen betrifft dies Eduard Hitzig (1838 – 1907), der die elektrische Erregbarkeit des Gehirns entdeckt hat, aber trotz oder, besser gesagt, in Ergänzung zu dieser »biologischen« wissenschaftlichen Ausrichtung, sich mit großer kämpferischer Energie der Umgestaltung und Neukonzipierung psychiatrischer Anstalten widmete.

Nicht uninteressant ist auch die Darstellung von Hitzigs forensischen Ausführungen über die "verrückten Quärulanten", ein Feld, das auch heute noch voll von fachlichen wie gesellschaftspolitischen Stolpersteinen ist und bereits damals die Psychiatrie mit dem Verhältnis von Krankheit und Widerstand konfrontierte. Zum anderen wenden sich die Autoren Carl Wernicke (1848 – 1905) zu, neben Kleist einer der beiden grundlegenden Lehrer Karl Leonhards. Wernicke beschrieb die nach ihm benannte sensorische Aphasie und versuchte, die psychiatrische Lehre ganz auf den Boden der damals aktuellen Hirnforschung zu stellen.

Anschaulich

Genau dies aber, und das Buch von Marneros und Pillmann macht es anschaulich, wurde Wernickes Lehre zum Verhängnis; denn die Empirie besaß noch zu schwache Beine, um allein die Zusammenhänge zu erklären. So wird Möbius aus dem Jahr 1883 mit den Worten zitiert: "Obwohl er auf dem Boden der Erfahrung zu stehen glaubte, meisterte er sie doch diktatorisch." Die heute gern vorgetragenen Behauptungen zum angeblichen Verschwinden des Entscheidungen treffenden Subjekts hinter als autonom gedachten Neuronennetzen dürften einem ähnlichen Irrtum aufsitzen wie Wernicke vor 100 Jahren.

Eine Buchbesprechung kann so nur andeuten, wie aktuell die historische Rückbesinnung auf die Wurzeln der Psychiatrie ist, sei es in methodischer, sei es in gesellschaftlicher Hinsicht. Den Autoren gelingt es in ausgezeichneter Weise, diese Zusammenhänge unaufdringlich aufzuzeigen und zugleich durch ausgiebige Zitate aus den Originaltexten deren geschichtliche Einbindung zu wahren und zu vermitteln.

Herbert Steinböck in Recht & Psychiatrie

Letzte Aktualisierung: 28.03.2017