Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
Dachverband Gemeindepsychiatrie
Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Mehr als Psychiatriegeschichte

Bereits 1986 (Römer) und 1993 (Richter) waren zwei wichtige Buchpublikationen zur Funktion der Grauen Busse bei der Deportation der »Euthanasie«-Opfer in die Vernichtungsanstalten erschienen. Die Aufstellung eines Grauen Busses als große Betonskulptur erfolgte dann 2007 in der Weissenau Ravensburg. Gleichzeitig ging eine identische Skulptur auf Reisen. Ein sein Standort wechselndes Denkmal, welches bundesweit an thematisch einschlägigen Orten wie der Tiergartenstraße 4 aufgestellt wurde. Beide Skulpturen zeigten so gut wie kaum ein anderes Denkmal, wie der Brückenschlag zwischen Vergangenheit und Gegenwart gelingt. Anschaulich und nachvollziehbar auch für nicht einschlägig Vorgebildete.

Das Denkmal der Grauen Busse

Die Vermittlung historischer Ereignisse, bei denen die Herausgeber absichtsvoll fragen, ob sie »vergangen« sind, wird zum öffentlichen Ereignis. Die 15 Einzelbeiträge sind in historische, medizinhistorische sowie kulturhistorische Kontexte und in die Dokumentation der Ausstellungsorte gegliedert. Wie mit Beiträgen von Aleida Assmann zur Bedeutung von »Denkmälern« überhaupt, von Susanne Kittel über das Unheimliche in der Geschichte, Paul-Otto Schmidt-Michel über Briefe der Angehörigen an die Opfer der Aktion T4. Abgeschlossen werden die Beiträge mit einer ausführlichen Auseinandersetzung von Horst Hoheisel, Andreas Knitz, Thomas Stöckle und Jane Holtewert zur Rezeption der »Grauen Busse« an den Aufstellungsorten.

Alle Beiträge sind fundiert, spannen ihr Ziel über den engeren Rahmen der Geschichtsforschung hinaus in das kulturelle und auch literarische Leben. Das sehr aussagereich bebilderte Buch zeigt u.a. unbeantwortete Postkarten und Briefe der Angehörigen an ihr vermisstes Familienmitglied, Aufnahmen zum Transport und Aufstellung der Grauen Busse in der Öffentlichkeit, Lagepläne usw. Frappierend ist so der Anblick eines Berliner BVG-Busses neben dem Grauen Bus. Gerade diese Auswahl an Aufnahmen und ihre Integration in die Texte verdeutlicht, wie das Buch der Logik des Denkmals der »Grauen Busse« folgt. Anschaulich und berührend werden historischen Fakten in die Gegenwart gebracht.

So gelingt es, Geschichte und ihre Botschaft an die folgenden Generationen lebendig zu halten. Mit 15,90 € sind die 280 sorgfältig editierten und leinengebundenen Seiten radikal niedrig angesetzt. Auch damit signalisieren Verlag und Herausgeber ihren Wunsch nach breiter Resonanz. Völlig zu Recht.

Psychiatrie in Oberschwaben

Ebenfalls im Verlag Psychiatrie und Geschichte ist ein eher der akademischen Wissenschaftslogik folgender Band über Aufgaben, Funktionen und Wirkungen der südwürttembergischen Heil- und Pflegeanstalt Weissenau in Oberschwaben erschienen. Hinsichtlich der Vielfalt der Themen, der generell guten Lesbarkeit und der eingestreuten Fallgeschichten wird sie zu einer sehr lebendigen, keineswegs im Elfenbeinturm verfassten Anthologie. Sie ist aber auch nicht, dies muss vorangestellt werden, eine rein regionalgeschichtliche Sammlung von Aufsätzen.

Viele der 17 Beiträge, wie der sich wandelnde Pflegalltag (Bernd Reichelt), die Veränderungen der Geschlechterrollen des Personals (Uta Kanis-Seyfried), der Umgang mit den Zwangssterilisationen (Marc Spohr und Thomas Müller), der sozialtherapeutische Aufbruch seit Ende der 1960er-Jahre (Bernd Reichelt) bis hin zur Geschichte der Gemeindepsychiatrie seit 1970 (Paul-Otto Schmidt-Michel und Thomas Müller) dürften sich ähnlich in anderen Anstalten außerhalb Oberschwabens zugetragen haben.

Spezifischer, aber keineswegs rein »oberschwäbisch«, sind Beiträge wie der Umgang und die Behandlung traumatisierter Patienten des Ersten Weltkriegs (Uta Kanis-Seyfried), Aspekte der Familienpflege 1890 – 1930 (Thomas Müller und Akira Hashimoto), Unterbringung psychisch kranker Rechtsbrecher 1933 – 1945 (Udo Frank und Tatjana Asnina), Migration italienischer Patienten nach Württemberg (Thomas Müller, Katharina Witner, Uta Kanis-Seyfried) oder die Anfragen psychisch kranker Menschen und ihrer Angehörigen an verantwortliche Institutionen heute (Nastasja Pilz und Thomas Müller). Eher selten zu finden ist ein Beitrag wie der über den Einbezug Jugendlicher in die Geschichtsarbeit als »subjektive Chronik 2004 – 2016« (Jochen Tenter und Heike Engelhardt).

Insgesamt ein vielfältiges, in der Summe rundes und stimmiges Abbild der Psychiatriegeschichte durch Autorinnen und Autoren, die aus dem medizinischen, historischen oder kulturwissenschaftlichen Bereich kommen. Der Umgang mit der eigenen Psychiatriegeschichte Oberschwabens ist hier im besten Sinne aufklärerisch gelungen. Dass alle Beiträge auch mit einem englischen Abstract nachzulesen sind, ist hervorragend und zeigt, diese Aufsätze dürfen weit über die Grenzen Oberschwabens gebracht werden.

Wenn man als Rezensent eine Anregung geben darf, dann wäre es die, die Einbindung der Fürsorge, der Heime, der Gesundheitsämter, der (Erbgesundheits-)Gerichte etc. an den Schnittstellen der klinischen Psychiatrie bis 1945 noch hervorzuheben. Denn weder damals noch heute kann eine psychiatrische Klinik in ihrem vermeintlichen Inseldasein betrachtet werden. Sie ist immer Teil eines größeren institutionellen Gefüges. Das aber ist nur eine Anregung bei einem durch und durch gut recherchierten und immer lesbaren Werk, welches eben Gültigkeit über Oberschwaben hinaus besitzt.

Beide Bücher können direkt bezogen werden über www.forschung-bw.de. 

Christian Zechert in Psychosoziale Umschau

Letzte Aktualisierung: 05.02.2018