Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
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Psychiatrie Verlag

Der totale Rausch - Drogen im Dritten Reich

Wie schön wäre es, wenn, was im Vorspann zitiert wird, zutreffen würde. JP Sartre hat uns wissen lassen: »Ein politisches System, das dem Untergang geweiht ist, tut instinktiv vieles, was diesen Untergang beschleunigt.«

Der Autor ist von Haus kein Sachbuchschreiber, sondern Romancier und Journalist oder wie die FR meint, »ein belletristisch ambitionierter Journalist«. Letzteres kommt der Lesbarkeit dieses Sachbuchs überaus zugute. Auch wenn die überregionalen Zeitungen von der ZEIT (Verriss: »hochspekulatives Hitler- Spektakel«) bis zur Welt und Frankfurter Rundschau (Lobgesang) sich in der Sache sehr uneinig sind, loben sie die Sprachkunst des Autors, die sie – teilweise zu ihrer Verärgerung – mitriss und trotz inhaltlicher Abneigung das Buch in Gänze lesen ließ.

Unselbstironischer Lobgesang

Ich selbst hätte das Buch gleich wieder aus der Hand gelegt, weil ich auf den ersten Seiten des Buches einen völlig unselbstironischen Lobgesang des Autors auf sich selbst verdauen musste. Was kann man von einem Buch halten, das so beginnt: »Wer die Rolle der Drogen im Dritten Reich nicht versteht, die Bewusstseinszustände nicht auch in dieser Hinsicht untersucht, verpasst etwas. […] Doch wir können Abhilfe schaffen und eine Interpretation der tatsächlichen Vorkommnisse versuchen, die sich mit der Aufhellung struktureller Bezüge befasst, dem Handwerklichen verpflichtet ist und statt steiler Thesen einer detaillierten Erforschung der historischen Fakten dient.« Genau das wird in einigen der Rezensionen bestritten! Und weiter: »Der totale Rausch [damit meint er sein eigenes Buch] geht den blutsvernarrten Massenmördern und ihrem folgsamen, von jedem Rassen- und sonstigem Gift zu reinigenden Volk unter die Haut und schaut direkt in die Arterien und Venen hinein. [...] Die deutsche Geschichte wird nicht umoder gar neugeschrieben. Aber im besten Fall in Teilen präziser erzählt.«

Im Stile eines Beipackzettels

Im Stile eines Beipackzettels für Medikamente, das legt sich natürlich bei einem solchen Buchthema nahe, warnt der Autor vor Nebenwirkungen seines Buchs auf den Leser. Häufig seien bei der Lektüre Erschütterung von Weltbildern, Irritationen des Großhirns, verbunden mit Übelkeit oder Bauchschmerzen. Gelegentlich gäbe es Überempfindlichkeitsreaktionen, sehr selten schwer anhaltende Störungen der Wahrnehmung. Als Gegenmaßnahme müsse die Lektüre in jedem Fall bis zum Ende durchgeführt werden, um das Genesungsziel der angst- und krampflösenden Wirkung zu erreichen. Diesen Auftrag habe ich als Rezensent tatsächlich dann doch wahrgenommen, war also nichts mit dem Aus-der-Hand-Legen.

In Teil I des Buches wird in üppigen sprachlichen Wendungen über die Volksdroge Metamphetamin (Pervitin) gesprochen, aber auch die Rolle deutscher Pharmafirmen (Merck, Boehringer, Knoll, Temmler) in der massenhaften Produktion dieses Mittels wird beleuchtet, sowie von Kokain, Morphin, Heroin usw. Deutschland war auf diesem Gebiet Exportweltmeister. Für wie harmlos man den Konsum von Pervitin halten konnte, ergibt sich aus Schreiben von Heinrich Böll an seine Eltern, in denen er immer wieder darum bittet, dass ihm Pervitin zugesandt werden möge, so als bestelle er Speckschwarten zur Steigerung seiner Kampfeskraft.

Im Teil II geht es speziell auch um das Aufputschen der deutschen Soldatenschaft, die allesamt, pervitingestützt (tonnenweise), im Sturmlauf die Franzosen und Engländer (Blitzkriegsieg trotz materieller Unterlegenheit) schlaflos überrannte, bis Hitler, nach Ansicht des Autors, infolge seines Drogenkonsums absurderweise Einhalt gebot, was einen Teil der Kriegsausgangswende bedeutet hätte.

Unterlagen des Leibarztes von Hitler

Dem Autor ist es nicht unaufwendig gelungen, an die Unterlagen des Leibarztes von Hitler, Morell, zu gelangen (Teil III: High Hitler – Patient A), die, von den Alliierten zerfleddert, verschiedenenorts aufgehoben wurden. Morell hat Hitler jahrelang tagtäglich und zuletzt mehrfach täglich nicht behandelt, sondern mit Drogen vollgestopft. Wenn man dem Autor folgen mag, wurde Hitler massenhaft Eukodal verordnet, wobei es ein wenig unlogisch ist, dass Morell in seinen Arztkarteien mal Eukodal einträgt, häufig aber die Verordnung mit einem x versieht, was nach Ohler der Verheimlichung gedient haben könnte. Wenn man tatsächlich ein x für Eukodal ansieht, dann wäre die Abhängigkeit als dramatisch zu beschreiben. Jedenfalls war auf den ärztlichen Karteikarten, im Buch anzusehen, kein Platz mehr für weitere Eintragungen.

Hitler war bei ihm Patient A, Eva Braun Patientin B und Mussolini (Duce) Patient D. Diesen soll der Leibarzt Morell, der von Hitler auch noch den Professorentitel verliehen bekam, auf Befehl von Hitler ebenfalls zu Durchhaltezwecken mit zur Abhängigkeit führenden Medikamenten versorgt haben. Die offenbare Abhängigkeit Hitlers steht im krassen Gegensatz zum »Mythos des Drogenfeindes und Abstinenzlers Hitler, der seine eigenen Bedürfnisse hintanstellte«.

Nach dem Stauffenberg-Attentat, was bekanntlich gescheitert ist, aber auch Hitler nicht unverletzt gelassen hat (infolgedessen wurde er damals zum ersten Mal auch mit Kokain behandelt), ging es mit diesem so weit bergab, dass man nach Ohler vor Augen haben muss, dass dieser zittrig und bibbernd, sabbernd, verfallen, hypochondrisch, wehleidig seine Injektionen (nicht nur Drogen, sondern einen Mischmasch absurdester Kompositionen) im Führungsbunker verlangte und bekam, um danach in strammer Haltung seinen Generälen den Marsch zu blasen. Diese glaubten nicht mehr an den Endsieg, weil da die alliierten Truppen direkt vor der Tür standen. Der Autor geht davon aus, dass durch den Konsum von Aufputschmittel und Schmerzmittel sowie nächtlichen Schlafmitteln Hitlers Blick für die Realität tatsächlich so versperrt war, dass er trotz einer völlig aussichtslosen Situation selbst tatsächlich noch an den Endsieg glaubte, seinen Tatgenossen also nichts vorspielte, sondern aberwitzigerweise tatsächlich davon überzeugt war. Der Autor stellt im Übrigen deutlich klar, dass nicht die Drogen schuldig waren an seinem rassistischen, antisemitischen und verbrecherischen Wahn, sondern den hätte er schon lange vorher gepflegt – siehe »Mein Kampf« usw. Ohler: »Er konnte noch so viele Drogen nehmen, um sich weiterhin in dem Zustand zu erhalten, in dem er seine Taten begehen konnte: Es mindert nicht seine monströse Schuld.«

Jemand aus Hitlers Umgebung hat, natürlich hinter vorgehaltener Hand, geäußert, dass Hitler das einzige Staatsoberhaupt der Welt sei, das wöchentlich zwischen 120 und 150 Tabletten einnehme und etwa acht bis zehn medikamentöse Injektionen bekomme.

Ablehnung und Kritik an Details

Einige der in Feuilletons tätigen Journalisten-Kollegen Ohlers scheinen das Buch vollends abzulehnen, andere üben an gewissen Details Kritik, was nachvollziehbar ist. Die Kritiker scheinen von der Idee befallen zu sein, dass man Gefahr laufe, nachdem Ohler nun nachgewiesen zu haben glaube, in welchem Ausmaß Hitler drogenabhängig war bzw. gemacht wurde, mit seiner unverschuldeten Drogenabhängigkeit das Ausmaß seiner Untaten verniedlichen zu wollen oder zu können. Diesen Eindruck teilt der Rezensent aber nicht, wenngleich der flott jugendlich-dynamische Schreibstil und die Begeisterung über die von ihm (erstmals!!) aufgegriffene und aufgearbeitete Thematik einem gelegentlich übel aufstößt. Man hat sporadisch eine mentale und psychische Hemmung im Kopf, wenn in zu lockerem und flockigem Tonfall (Easy Rider: die deutschen Panzerfahrer; vom Graubrot zu Hirnfood) die grauenhaften Ereignisse der Hitler-Zeit zur Darstellung kommen.

Der Rezensent verlor bei der Lektüre dieses Buches allerdings die Fähigkeit nachzuvollziehen, wie es angehen konnte, dass die im Prinzip sicher doch intelligente und zackige Generalität zwei Jahre lang nicht den Schneid hatte, dem ersten Attentat ein zweites folgen zu lassen. Stattdessen lassen die sich von Hitler zusammenfalten. Ohler: »Hitlers polytoxikomanische Präsenz zersetzte die Realitätsbeziehungen aller in seinem Umkreis.« Wenn man dem Inhalt des Buches folgt, hätte es aber gereicht, dass nur einer von seinen Generälen den Mut hätte aufbringen müssen, lautstark und mit einem leichten Druck auf die klapprigen Schultern des Führers diesem das Wort zu verbieten und ihn des Führungsbunkers zu verweisen.

Letztendlich muss ich einräumen, dass mir das Buch mit leichter Hand viele von mir noch nicht zur Kenntnis genommene Aspekte auftischte und es auf jeden Fall mehr als des »In-die-Hand-Nehmens« wert ist.

Gunther Kruse in Sozialpsychiatrische Informationen

Letzte Aktualisierung: 03.11.2017