Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
Dachverband Gemeindepsychiatrie
Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Wir wollten ins Verderben rennen - Die Geschichte des Sozialistischen Patientenkollektivs Heidelberg

Wann hat es das, außer vermutlich bei Harry Potter, gegeben, dass ein Buch in den Markt eingeführt wird mit einer Podiumsveranstaltung und fast 400 interessierten Zuhörern, nennenswerter Pressepräsenz, ehemals SPK-Beteiligten, durchaus (damals) unterschiedlichster Parteilichkeit, also eine Art SPK-Veteranentreffen, allerdings ohne die verschollene Hauptfigur. Dem Psychiatrie Verlag scheint damit ein großer Erfolg gelungen zu sein, denn offenbar interessierten sich doch nicht nur die jetzt über 70-Jährigen für dieses Buch.

Man muss man den Hut ziehen

In dem Buch versteckt sich ein vier Jahre in Anspruch nehmender, ungeheurer Arbeitsaufwand der drei Verfasser, allein die Suche nach Zeitzeugen, die dann immerhin zum Teil (65 von 94) sogar auskunftswillig waren, war eine Glanzleistung, dazu kamen noch 20 ehemalige Mitarbeiter der Heidelberger Universitätspsychiatrie, abgesehen von der Herbeiziehung diverser Unterlagen (aus 14 Staats- und 17 Privatarchiven usw.) – da muss man den Hut ziehen, vor allem, weil anders, als es sonst bei Fleißarbeiten oft ist, die Ergebnisse der Bemühungen in einen ausgesprochen gut lesbaren Text gegossen wurden.

Auflockernd, aber auch beweisführend sind zudem diverse Originalzeitungsabschnitte zum Abdruck gelangt. Ich habe das ganze Buch vollständig (sonst nicht unbedingt üblich bei meinen Rezensionen) in zwei Tagen in mich hineingesaugt. Der von mir hoch angesehene Peter Schneider bringt es schon auf S. 24 (im Kleingedruckten) auf den Punkt: "Es ist nötig –und wird immer wieder nötig sein und Mut erfordern –, gegen selbst ernannte Herren der Welt und eine feige und übergeschnappte Obrigkeit zu rebellieren. Aber noch mehr Mut gehört dazu, gegen die Führer in der eigenen Gruppe aufzustehen und zu sagen: ›Ihr spinnt! Ihr seid verrückt geworden!‹"

Ins Verderben gerannt

Genau dieser Mut fehlte, fasst man den Inhalt des Buches kurz, den 100 oder 500 Mitgliedern des SPK gegenüber Dr. Wolfgang Huber, sodass sie ins Verderben rannten, sogar bis hin zur Mitgliedschaft in der sogenannten RAF. Es ist aber auch unfassbar, was sich die gutwilligen und das SPK unterstützenden, ja fördernden "Agenten der herrschenden Klasse" haben bieten lassen an Frechheiten, Lümmelhaftigkeiten und Beleidigungen von Huber und seinen Anhängern, um nicht zu sagen Anhängseln – in erster Linie der überaus liberale und hochverdiente Psychiatrieordinarius Prof. W. von Baeyer und der Rektor der Universität, Prof. Rendtorff, die, wie auch andere wohlgesonnene und das Selbstheilungsanliegen fördernde Personen, zwischen allen Stühlen saßen, hier ein fanatisierter huberscher Kohlhaas und dort total reaktionäre Ordinarien der anderen Fächer bis hin zum Kultusminister.

Rendtorff ist in seinem Entgegenkommen bis an die Grenze der Selbstaufgabe gegangen, was nicht honoriert wurde, sondern er war trotz seines Unterstützungswillens mit immer neuen überzogenen Forderungen konfrontiert. Diese waren im Prinzip angesichts der psychiatrischen Versorgungssituation durchaus berechtigt, was von den vernünftigen, zunehmend aber abgenervten Förderern auch so gesehen wurde, sodass man angesichts der psychiatrischen Gesamtmisere sogar das SPK-Experiment für gerechtfertigt hielt, kompensierte es doch irgendwie die mangelhafte Versorgungssituation.

Patienten behandeln Patienten

Patienten behandeln Patienten, damals eigentlich unvorstellbar, heutzutage mit EX-IN eine Selbstverständlichkeit. Was hätte seinerzeit alles erreicht werden können, wenn man mehr Geduld gehabt hätte, nicht so verbohrt gewesen wäre, nicht nach dem Alles-oder-nichts-Prinzip hätte verfahren wollen. E. Wulff meinte, dass die unrevolutionäre Ungeduld, die Unfähigkeit zum Aufschieben von Bedürfnissen, die Unfähigkeit, Situationen politisch einschätzen zu können, wohl auch etwas mit der Tatsache zu tun gehabt hätte, dass es sich bei vielen Mitgliedern des SPK in der Tat um Patienten gehandelt habe. Um nicht von Einzel-Behandlung oder -therapie sprechen zu müssen, wurde der Begriff der Einzelagitation gewählt, was unbeabsichtigt, aber faktisch zutreffend war.

Unglaublich auch, dass die Universität für (aus ihrer Sicht) ein Unding wie das SPK auch noch vier hochdekorierte Gutachter bestellte (Brückner, Thomae, Richter, Spazier), die sich mit unterschiedlichen Nuancierungen vorsichtig positiv äußerten. Man darf dabei nicht vergessen, dass in einem späteren radikalisierten Stadium des SPK auch ein Motto von Eldridge Cleaver: "Wir werden Menschen sein. Wir werden es sein, oder die Welt wird dem Erdboden gleichgemacht werden bei unserem Versuch, es zu werden!" eine Rolle spielte.

Wichtig war Pross, nachzuweisen, was ihm gelingt, dass das SPK keine Kaderschmiede (Jungbrunnen oder Nachwuchslieferant) für die Rote-Armee-Fraktion war, sondern dass es sich dabei lediglich um vier Personen gehandelt habe. Einer von denen, Klaus Jünschke, kommt in dem Buch auch sehr ausführlich und hochinteressant zu Wort, nachdem er 15 Jahre Haft abgesessen hatte.

Gedanklicher Versuch einer Selbsthilfe

Der Autor zitiert eine Psychologin, dass sie an der Geschichte des SPK besonders gefesselt habe, wie dieses Kollektiv bei seinem Kampf gegen ein totalitäres, hierarchisches System in der eigenen Gruppe eine Hierarchie geschaffen habe – mit einer totalitären Führungsfigur in Person dieses Arztes, der zum Sklaven seiner eigenen Ideale und dessen Patienten schließlich zu seinen Sklaven geworden seien.

Das Buch endet mit den Bemerkungen, dass das SPK vom Ansatz her ein – wenn auch letztlich misslungener – gedanklicher Versuch einer Selbsthilfe psychisch Erkrankter gewesen sei, wohl einer der ersten in der Bundesrepublik überhaupt. Es sei auch das erste Mal gewesen, dass psychisch Erkrankte so vehement öffentlich ihre Stimme erhoben und Forderungen gestellt hätten. Allein damit gebühre dem SPK ein Platz in der Geschichte.

Was das SPK damals gefordert und für sich in Anspruch genommen habe, sei heute Wirklichkeit: "Patienten haben eine Stimme und nehmen ihre Rechte wahr, sie gestalten im ›Trialog‹ mit Ärzten und Angehörigen die Krankenversorgung mit."

Gunther Kruse in Soziale Psychiatrie

Letzte Aktualisierung: 02.03.2018