Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
Dachverband Gemeindepsychiatrie
Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Der Geschichte eine Zukunft geben

Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte? Das fragte sich schon Friedrich Schiller bei seiner Antrittsvorlesung in Jena am 26. Mai 1789. Zustände und Geschehnisse im Laufe der Zeit zu betrachten im Hinblick auf ein besseres Verständnis der Gegenwart, hat eine lange Tradition. Auch Hilde Schädle-Deininger, die als Diplomkrankenschwester im psychiatrischen Pflegeberuf Erfahrungen sammelte, die sie dann als spätere Universitätsdozentin in verschiedenen Bereichen weiterentwickelte und lehrte, stellt sich dieser Problematik in ihrem jüngst erschienenen Buch mit dem Ziel, wissenschaftlich untermauerte Erkenntnisse in Ausbildung und Praxis der Pflege zugänglich zu machen und weiterzuentwickeln.

Hilde Schädle-Deininger weist in ihrem Buch immer wieder auf die Komplexität psychischer Erkrankungen hin, die eben auch eine komplexe pflegerische und therapeutische Herangehensweise durch Ärztinnen, Pflegerinnen und nicht zuletzt Angehörige erfordern. Multiprofessionelle Teams sollen die Versorgung bei dem Recoveryprozess begleiten.

»Psychiatrische Pflege muss psychiatrische Versorgung kritisch begleiten, um Mittler zu sein und die Interessen von Betroffenen sowie Angehörigen zu vertreten und gemeinsam zu arbeiten. Dazu gehört, dass sie ihre Auffassungen und theoretischen Grundlagen regelmäßig überprüft, entsprechende Pflegeforschung anstößt und ideologische Ansätze aufmerksam und genau auf ihre theoretische und praktische Tauglichkeit, aber auch ethisch hinterfragt« (S. 70).

Das Buch ist ein Plädoyer für die Akademisierung der Pflegeausbildung sowie für den lebendigen Austausch aller Akteure im Trialog, der es Psychiatrieerfahrenen, Experten aus Miterleben und professionellen Pflegerinnen und Ärztinnen ermöglicht, subjekt-, beziehungs- und bedürfnisorientiertes psychiatrisch-pflegerisches Handeln im Sinne einer wachsenden Autonomie der Patientinnen zu koordinieren und so mehr Teilhabe zu ermöglichen.

Wie es zu dieser doch insgesamt erfreulichen Entwicklung kam, zeigt die Autorin in ihrer Rückschau auf die Jahre 1960 bis 1990. Markante Stationen in der Entwicklung der psychiatrischen Pflege werden aufgezeigt, die Autorin selbst sieht die meisten Anstöße in den Veränderungen rund um die Psychiatriereform und in den traditionellen Wurzeln der Gemeindekrankenpflege. Das Buch bietet dem Leserkreis einen großen Schatz an Materialien, Statistiken und Übersichten, die den jeweiligen Profis interessante Einblicke in die Entwicklungen und Schwerpunkte in der Psychiatrie geben. Die Begriffserklärungen sind präzise und verständlich, die Materialien werden im Detail erläutert. Besonders interessant ist der geschichtliche Rückblick, der bis auf die Pflege im Nationalsozialismus zurückgeht und dann die Anfänge in der BRD und in der DDR beleuchtet.

Zusammenfassend kann man sagen, dass jede Person, die sich für psychiatrische Pflege interessiert, eine Fundgrube an Informationen vorfindet. Und auch Betroffene und Angehörige profitieren von der Lektüre, die ihnen ein profundes Verständnis ihrer Situation ermöglicht und Methoden und Wege aufzeigt, mit dieser besser leben zu können.

Ein Herzensanliegen der Autorin ist es immer über alle Details hinweg, Fachwissen und Erfahrungswissen zusammenzubringen, um »Barrieren im Kopf« abzubauen, »neue Wege zu gehen, zu differenzieren und sich zu engagieren« (S. 232f.). Ein umfassender Einblick in das berufliche, ethische und politische Engagement einer mutigen Frau!

Cordula Holle in Psychosoziale Umschau

Letzte Aktualisierung: 29.09.2021