Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
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Psychiatrie Verlag

Leben für eine humane Medizin - Alice Ricciardi-von Platen – Psychoanalytikerin und Protokollantin des Nürnberger Ärzteprozesses

Als sich Ende der Siebzigerjahre einige in der Psychiatrie Tätige unter kundiger Anleitung von Klaus Dörner anschickten, sich mit der Geschichte ihres Faches während der Zeit des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen, gab es nur wenige Berichte aus der unmittelbaren Nachkriegszeit.

Gerhard Schmidts ausgezeichnetes Buch "Selektion in der Heilanstalt" war erst 1963 aufgelegt worden und kaum aufzutreiben und die Dokumentation Poitrots von 1947 aus der Sicht der französischen Militärregierung war längst vergriffen. Auf die umfangreiche, vor allem auch die Auseinandersetzung mit Fragen der medizinischen Ethik durch das Nürnberger Gericht darstellende Publikation des französischen Militärpsychologen Francois Bayle "Croix gammée contre Caducée" waren wir erst in den Achtzigerjahren durch den polnischen Chirurgen Józef Bogusz aufmerksam gemacht worden.

"Die Tötung Geisteskranker in Deutschland"

So war der Bericht der Ärztin Alice von Platen-Hallermund "Die Tötung Geisteskranker in Deutschland" aus der deutschen Ärztekommission beim amerikanischen Militärgericht von 1948, das allerdings ebenfalls nur in Bibliotheken zu finden war, in dieser Zeit das Standardwerk für jeden, der sich mit diesem Teil der Geschichte unseres Faches befassen wollte.

Es gehörte damals durchaus Mut dazu, sich zu diesem Thema zu äußern. Das war Alexander Mitscherlich und Fred Mielke mit der Veröffentlichung ihrer Dokumentation zu den Nürnberger Ärzteprozess deutlich geworden, das widerfuhr Werner Leibbrand als einzigem deutschen Sachverständigen der Anklage und das hat schließlich auch Alice von Platen-Hallermund erfahren müssen.

Lesenswerte Biografie

Über das lange, ereignisreiche Leben dieser couragierten Psychiaterin ist nun aus der Feder des Publizisten Reinhard Schlüter eine unbedingt lesenswerte Biografie erschienen, die sich stellenweise wie ein Streifzug durch die Höhen und vor allem auch Tiefen des vergangenen Jahrhunderts liest. Es ist gewiss eine Lebensbeschreibung aus einer besonderen Optik.

Alice von Platen-Hallermund wurde, aus einem holsteinischen Grafengeschlecht stammend, 1910 im Gutshaus der Eltern als vierte und jüngste Tochter geboren. Noch im selben Jahr zieht die Mutter mit ihren Kindern zu Verwandten nach England. Erst am Ende des Ersten Weltkrieges kehrt sie nach Norddeutschland zurück, wo die Tochter zu Hause vom Lehrer des Dorfes unterrichtet wird. Ihre Gymnasialzeit verbringt sie im Internat Schloss Salem, wo sie findet, "was ihr bisher fehlte ... Struktur, eine verlässliche Gemeinschaft, Vorbilder, Ideen, die zur Identifikation einladen".

Interesse an außergewöhnlichen Menschen

Von hier aus besucht sie erstmals die psychiatrische Anstalt Reichenau, was in ihr das Interesse an Menschen, die anders als die meisten, eben außergewöhnlich sind, bewirkt zu haben scheint. Nach dem Abitur ist sie entschlossen, Medizin zu studieren und Psychiaterin zu werden. Nach Studienjahren in Heidelberg, München, Freiburg, Königsberg – wohin sie auf Empfehlung ihrer Freundin Gräfin Dönhoff gegangen war – und Kiel, bestand sie 1934 in München ihr medizinisches Staatsexamen.

1935 tritt sie ihre erste reguläre Stelle an der Potsdamer Landesheilanstalt an. Deren Leiter ist der später an den Euthanasiemaßnahmen an herausragender Stelle beteiligte Kinderpsychiater Hans Heinze. Von 1936 bis 1939 lebt sie – aus privaten Gründen – in Florenz, in engem Kontakt mit Künstlern und befreundeten Geisteswissenschaftlern. 1941 wird sie Mutter eines Sohnes, zieht zunächst nach München und arbeitet schließlich als alleinerziehende Landärztin erst in Bayern und dann in Oberösterreich. Hier erfährt sie, wie hinter den Mauern des Schlosses von Hartheim Patienten systematisch getötet werden und erhält Kenntnis von den Transporten ins nahe gelegene Mauthausen.

Beobachterkommission des Nürnberger Ärzteprozesses

Nach dem Krieg ist Alice von Platen-Hallermund als Volontärärztin bei Victor von Weizsäcker, den sie noch aus der Vorkriegszeit kennt, tätig. Eine bezahlte Stellung erhält sie bei ihm nicht. 1946 nimmt sie schließlich das Angebot an, sich an der Beobachterkommission des Nürnberger Ärzteprozesses unter Alexander Mitscherlich zu beteiligen. Diese Zeit wird mit all ihren Schwierigkeiten und den Auseinandersetzungen auch innerhalb der Kommission, bis hin zum Konflikt, den Alice von Platen-Hallermund mit Alexander Mitscherlich um die eigenständige Ausgabe ihres Berichtes auszutragen hatte, detailliert geschildert.

In ihrer Position als Autorin bestärkt wurde sie durch Eugen Kogon, der Buchenwald als Häftling überlebt und in seinem wegweisenden Buch den "SS-Staat" beschrieben hat. Noch 1947 erhält sie eine bezahlte Arztstelle an der Bamberger Nervenklinik St. Getreu unter dem von ihr hoch geschätzten Psychiater und Musikliebhaber Georg Zillig. Dieser ist sowohl von ihrem Buchprojekt wie von ihrer außergewöhnlichen Persönlichkeit angetan und unterstützt ihr Interesse an Psychosomatik und Psychoanalyse. Durch den frühen Unfalltod Georg Zilligs zerschlägt sich Alice von Platen- Hallermunds Hoffnung, ihn als Oberärztin an den Würzburger Lehrstuhl zu begleiten. Sie geht stattdessen zur Fortführung ihrer psychoanalytischen Ausbildung nach London, wo sie unter anderem mit Anna Freud und Michael Balint zusammentrifft.

Hier lernt sie auch den Journalisten und Baron neapolitanischer Herkunft Augusto Ricciardi kennen, den sie schließlich nach langer verwickelter Beziehung und einer weiteren Odyssee über Brüssel und Tripolis, am österreichischen Landsitz ihrer Familie in Altaussee heiraten wird. Sie lässt sich nun in Rom nieder und wird hier und später auch in Cortona (Toskana) als eine der Pionierinnen der Gruppenpsychoanalyse erfolgreich. Sie lädt fortan zu regelmäßig stattfindenden Workshops für Gruppenanalyse in die Villa Platen in Altaussee ein.

Medizin und Gewissen

Im Oktober 1996 nimmt sie als letztes lebendes Mitglied der »Ärztekommission « am IPPNW-Kongress "Medizin und Gewissen" anlässlich des 50. Jahrestag des Nürnberger Ärzteprozesses teil. Im Geleitwort zum 1993 im Psychiatrie Verlag erschienenen Reprint ihres Buches schreibt Klaus Dörner: "Sie beschreibt den ›biologischen Utilitarismus‹, als ob ihr die heutige Singer-Debatte schon geläufig wäre. Sie beschreibt, dass die ›Freigabe‹ auch nur eines Menschen an den ›Gnadentod‹ alle Grenzen sprengt und ›das Verhältnis zwischen Arzt und Kranken auf der ganzen Welt infrage stellt‹."

Im November 2007 ist Alice von Platen-Hallermund Ehrengast der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie in München und durchstreift in einem fesselnden Zwiegespräch mit Michael von Cranach das hinter ihr liegende verworrene Jahrhundert auch mit all seinen psychiatrisch-psychotherapeutischer Fehlschlägen und Erfolgen. Nur wenig später stirbt Alice von Platen-Hallermund schließlich im Alter von 98 Jahren am 23. Februar 2008 in ihrem Haus in Cortona.

Eingebettet in vielfältige Exkurse

Reinhard Schlüters Buch erzählt dies alles äußerst lebendig, eingebettet in vielfältige Exkurse in die verschlungene Politik- und Geistesgeschichte dieser so aufgewühlten Zeit. Er schildert ihre mannigfaltigen Freundschaften mit prominenten Persönlichkeiten und kann dabei wohl auch eine kleine Schwäche für die vornehmen Kreise, in denen sich Alice von Platen-Hallermund, durch ihre Herkunft begünstigt, zeitweise bewegte, nicht verbergen. Schlüter führt jedoch seinen Lesern auf der anderen Seite deutlich vor Augen, welche gewaltigen Hindernisse sich vor allem der jungen Frau in den Weg stellten, deren Mutter sich mehr für ihre Pferde als für die Erziehung ihrer Kinder interessierte und deren Vater in frühen Jahren gestorben war. Und er macht spürbar, wie sehr die am Ende ihres Lebens hochverehrte Kämpferin für eine humane Medizin darunter gelitten hatte, dass sie ihrem Sohn als alleinerziehende Mutter nicht geben konnte, was sie ihm gern gegeben hätte.

Der Autor schließt sein Buch mit einem Zitat, das Alice von Platen-Hallermund bereits während ihrer Zeit als Ärztin in Bamberg für ihr Manuskript verfasst hatte: "Solange Menschen leben, wird nur ein Teil von ihnen der Norm eines Durchschnittsmenschen entsprechen. Doch wäre das Leben farblos und wir arm an Kenntnis und Wissen über den Menschen und sein Sein, wenn wir zuließen, dass die ›Abnormen‹ kurzerhand beseitigt würden. Gerade Geisteskranke mit der Fülle ihrer Visionen und inneren Bilder stellen uns mitten in die Problematik des Menschseins; gerade dem Geisteskranken sollte unsere Ehrfurcht und Liebe gelten ..."

An einer Stelle scheint Reinhard Schlüter ein wenig zu bedauern, dass Viktor von Weizsäcker in Alice von Platen-Hallermund "nur die Praktikerin" gesehen habe und ihr wohl keine Karriere in der Wissenschaft zugetraut hätte. Sein Buch jedoch führt uns auf überzeugende Weise vor, wie viel und wie Wertvolles ein Mensch bewirken kann, der sich um andere Menschen mit Zuneigung, Wissen, Lebenserfahrung und Bedacht – gerade als Praktikerin – sorgt.

Ralf Seidel in Sozialpsychiatrische Informationen

Letzte Aktualisierung: 27.03.2017