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Psychiatrie Verlag

Psychiatrie-Enquete: mit Zeitzeugen verstehen

Viel ist schon über die westdeutsche Psychiatriereform geschrieben worden. In ihrer Aufarbeitungwurde die Phase einzelner und biografischer Erfahrungsberichte damaliger Reformakteure mittlerweile von der systematischen geschichtswissenschaftlichen Analyse abgelöst, die dieses Ereignis in die psychiatriehistorischen und sozialen Dynamiken des letzten Jahrhunderts einordnet. »Gehört die Reform und ihr Anspruch damit ins Archiv der Geschichte?«, so könnte man ketzerisch fragen. Darauf komme ich gleich zurück.

In jedem Fall stellt die von Felicitas Söhner nun vorgelegte Studie Psychiatrie- Enquete: mit Zeitzeugen verstehen. Eine Oral History der Psychiatriereform in der BRD, herausgegeben von Thomas Becker und Heiner Fangerau, vermutlich die aktuell zusammenhängendste und vielschichtigste Monografie über die westdeutsche Psychiatriereform dar. Die Autorin greift darin bisherige Darstellungen und Interpretationen auf und stützt sich auf ein breites Material an Originalquellen der Reform, um diese unter verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Im Kern aber besteht ihre Untersuchung in der Auswertung von 28 Interviews mit damaligen Zeitzeug*innen (u. a. Ärzt*innen, Psycholog*innen und Pflegekräfte).

Dies ermöglicht Söhner, die teils sehr unterschiedlichen, individuellen Erzählungen und Erlebnisse des Reformprozesses zu Wort kommen zu lassen und diese zugleich in ein Verhältnis zueinander zu setzen. Hierdurch kann Söhner ihre eigenen Thesen auf einer empirischen und methodisch nachvollziehbaren Grundlage entfalten. Gleichwohl ist sich die Autorin der methodischen Beschränkungen, die ihr Vorgehen mit sich bringt, bewusst, kann doch eine solche Oral History letztlich niemals sagen, »wie es war«, sondern nur, wie es von einer bestimmten Person heute erinnert wird.

Trotz dieser Einschränkung gelingt es Söhner, ein kohärentes und umfassendes Bild der Reform zu zeichnen, das deren Entstehung als Glücksfall der Geschichte erkennen lässt: Durch das komplexe Zusammenspiel von Reformentwicklungen im Ausland (in Ostdeutschland und Osteuropa, Frankreich, Italien und dem angelsächsischen Raum) mit der Mehrung junger und kritischer Stimmen innerhalb des Fachs im Inland (und entsprechender intergenerationaler Spannungen) sowie vor allem einer sozialpolitischen Öffnung der Gesellschaft kam die Reform erst vereinzelt und dann in großem Stil in Gang. Der Anspruch dieser Reform auf eine humane, an den Bedarfen des Einzelnen in seiner unmittelbaren Lebenswelt orientierten psychiatrischen Versorgung wirkt bis heute nach.

Auch wenn Söhner in ihrer Betrachtung äußerst umsichtig vorgeht und wiederholt auf die Beschränkungen ihrer Analyse hinweist, stellen sich zum Schluss einige Fragen: Durch die Fokussierung auf die Entstehung der Enquete-Kommission und damit die »Reform von oben« (Wulff) entsteht die Gefahr, die »Reform von unten« zu vernachlässigen. Diese Reform an der Basis, in der Alltagspraxis der unzähligen psychiatrischen Kliniken der Republik, stellt vermutlich die eigentliche und bis heute prägende Transformation der Psychiatrielandschaft dar. Wiederum wäre zu vermuten, dass an dieser alltagspraktischen Transformation vor allem das »Basis-Personal« und damit zuvorderst die Pflege beteiligt waren.

Das Pflegepersonal nimmt jedoch in Söhners eher auf die Ärzteschaft bezogene Darstellung eher wenig Raum ein (S. 138 – 146). Darüber hinaus bleibt in ihrer Studie offen, wie die Reform eigentlich von den Betroffenen, also den Patient*innen, erlebt wurde und inwiefern sie an der Reform im Sinne einer »Psychiatrie-Erfahrungsgeschichte« (Brückner u. a. 2019) als aktive Subjekte beteiligt waren. Diese Fragen würden aber vermutlich den methodischen Zuschnitt von Söhners Darstellung sprengen. Als zukünftige Forschungsdesiderata sollten diese außerdem auch nicht im Gegensatz, sondern im Zusammenspiel mit Söhners Fokus gesehen werden.

Die besondere Bedeutung von Psychiatrie-Enquete: mit Zeitzeugen verstehen besteht zu guter Letzt vor allem im analysierten Interviewmaterial. Hierin werden die konkreten Erlebnisse der Beteiligten und die damalige Situation spürbar und lebendig. Auch wenn Söhner in ihrer Analyse eher nüchtern und wissenschaftlich vorgeht, schwappt so etwas über von der damaligen Empörung und vor allem der geteilten Hoffnung, die Bedingungen zu verändern und sich selbst als aktives Subjekt der Geschichte zu begreifen.

»Was bleibt also?«, so könnte man fragen, nein, so frage ich, als Psychiater in Ausbildung über fünfzig Jahre nach der Reform. Ich stelle immer wieder ernüchtert fest, dass die Enquete meiner Psychiatriegeneration kaum etwas sagt. Der Beruf der Psychiaterin ist ein Job unter anderen, für den man sich entschieden hat, weil man sich irgendwie für »Psychosachen« interessiert, weil man vielleicht selbst ein bisschen »psycho« ist und es mag, auf Partys dafür vieldeutig beschmunzelt zu werden. Insgesamt nehmen dabei wir angehenden Psychiater*innen, nimmt aber auch die Gesellschaft insgesamt die Psychiatrie, wie sie ist.

Dass sich an ihr heute wie vor fünfzig Jahren grundsätzlich etwas ändern müsste und sie alle angeht, wollen heute scheinbar nur wenige glauben. Und selbst wenn, fehlt der Optimismus, dies auch erreichen zu können. Söhners Zeitzeugen- Befragung hingegen lädt dazu ein, sich durch den Blick in die bewegte Psychiatrie-Vergangenheit eine kritische Haltung zum psychiatrischen Status quo anzueignen – und diesen erneut in Bewegung zu versetzen.

Literatur

Brückner, B., Röske, T., Rotzoll, M., Müller, T. (2019): Geschichte der Psychiatrie »von unten«. Medizinhistorisches Journal, 54 (4), 347 – 376.

Samuel Thoma in Sozialpsychiatrische Informationen

Letzte Aktualisierung: 27.07.2020