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Psychiatrie Verlag

Harald Schultz-Hencke und die Freideutsche Jugend

Mit Beginn des 20. Jahrhunderts gelangt die Psychoanalyse, als Theorie des Unbewussten, aber auch als entwicklungstheoretischer und therapeutischer Ansatz, zu einer ersten Blütezeit. Sie fasziniert den jungen Harald Schultz-Hencke, der nach seiner Berliner Kindheit und Jugend nach Freiburg geht, um Medizin, Philosophie und Psychiatrie zu studieren. In seinem Werk »Schicksal und Neurose« (1931) legt er eine neopsychoanalytische Neurosenlehre vor, die Auffassungen Sigmund Freuds, Alfred Adlers und Carl Gustav Jungs integriert.

Schultz-Hencke bleibt während der NS-Zeit therapeutisch und wissenschaftlich aktiv. Unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs gründet er das Institut für Psychopathologie und Psychotherapie (IPP) und die Neoanalytische Vereinigung. Für viele Fachkollegen in der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPV) steht Schultz-Hencke für die Kollaborateure des NS-Regimes. Ihm wie auch seinem Fachverband wird die Aufnahme in die IPV verweigert. Harald Schultz-Hencke stirbt am 23. Mai 1953 an den Folgen einer Blinddarmoperation 60-jährig in Berlin.

Das Leben dieses durchaus umstrittenen Neopsychoanalytikers und Arztes ist eng verwoben mit der »Freideutschen Jugend« – einer Jugendbewegung in Nachfolge der Wandervogelbewegung, ursprünglich romantisch und bürgerlich geprägt, dann auch durch die Auseinandersetzung mit Reformpädagogik, Kommunismus und Nationalismus. Das NS-Regime wird später die Eingliederung aller verbliebenen Jugendorganisationen in die Hitlerjugend erzwingen. Die »Freideutsche Jugend« zerfällt allerdings bereits 1921, nach internen Führungs- und Richtungsstreitigkeiten.

Der Psychologe und Psychoanalytiker Dr. phil. Steffen Theilemann praktiziert in eigener psychotherapeutischer Praxis in Potsdam. Er hat nach jahrelangen akribischen Recherchen diese Biografie der ersten Lebenshälfte des Harald Schultz-Hencke und zu dessen Rolle in der »Freideutschen Jugend« vorgelegt. Dabei stützt er sich auf zahlreiche Quellen (das Literaturverzeichnis umfasst 15 Seiten), vor allem aber auf Originaltagebücher von Schultz-Hencke. Dass sich diese wohl zum Teil in Besitz des Autors befinden, ist lediglich einer Fußnote (Nr. 24 auf S. 21) zu entnehmen.

Insgesamt enthält sich der Autor jeglichen schmückenden (oder ablenkenden) Beiwerks. Das Buch kommt ohne Vor- und Nachworte, ohne Danksagung oder Widmung aus. Umstandslos kommt Theilemann auf Seite 9 zum Thema: »Als Harald (Julius Alfred Carl-Ludwig) Schultz-Henke am 18. August 1892 in Berlin geboren wird, ist sein Vater Dankmar 35 Jahre alt, seine Mutter Adelaide 28. Harald ist ihr erstgeborenes Kind.« Auf sechs Seiten wird sodann die väterliche Linie der Vorfahren, auf acht weiteren die mütterliche Seite skizziert – allein dies mag als Anhalt für die Gründlichkeit in der Herangehensweise dienen. Es zeigt aber auch, dass hier ein Psychoanalytiker als Biograf unterwegs ist. Dank der flüssigen Schreibweise wird der Detailreichtum nie langweilig.

Schultz-Henckes Kindheit und Jugend, seinem Studium und Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg sind die ersten vier Kapitel auf rund 70 Seiten gewidmet. Das tief untergliederte fünfte Kapitel befasst sich auf weiteren 320 Seiten mit seiner Beziehung zur Jugendbewegung, der »Freideutschen Jugend«. Wiederum in außerordentlicher Detailtiefe werden Beziehungen, Veranstaltungen, Kontroversen nachgezeichnet. Irritierend bleibt aber beispielsweise, dass das Verhältnis Schultz-Henckes zu dem bereits damals äußerst umstrittenen Gustav Wyneken geschildert wird, ohne dessen mehrfache rechtskräftige Verurteilung wegen Kindesmissbrauchs zu erwähnen. Das hätte angesichts dessen Nimbus als Reformpädagoge schon differenzierend dazugehört. Dennoch: Steffen Theilemann selbst hat die Latte sehr hoch gelegt, und er wird den Erwartungen ganz überwiegend gerecht.

Das 445 Seiten starke Buch ist solide in Leinen gebunden. Der Verlag ordnet es der Buchreihe »Bibliothek der Psychoanalyse« zu, deren Anliegen es sei, »ein Forum der Auseinandersetzung zu schaffen, das der Psychoanalyse als Grundlagenwissenschaft, als Human- und Kulturwissenschaft sowie als klinische Theorie und Praxis neue Impulse verleiht« (Vorwort d. Herausgebers). Mit dem vorliegenden Band ist sehr gut bedient, wer sich für die Entwicklungsgeschichte der Psychoanalyse interessiert. Fast noch spannender aber ist der tiefe Einblick in das Denken und Fühlen der Jugend (oder wenigstens Teilen davon) vor rund einhundert Jahren.

Martin Osinski in Soziale Psychiatrie

Letzte Aktualisierung: 15.01.2020