Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
Dachverband Gemeindepsychiatrie
Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Meine Kindheit in der Psychiatrie

Persönlich kenne ich Herrn Wulf seit einem Kamingespräch der Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie e. V. (DGKJP) am 23. Juni 2014, als er mit anderen Betroffenen bei uns in Ulm zu Gast war und dort schilderte, wie Kindern der Wirtschaftswunderzeit allein aufgrund ihrer Herkunft der Zugang zu Bildung und fast jede Entwicklungschance genommen wurde. Mich hat das damals stark bewegt, und bei der Lektüre des Buches von Herrn Wulf hat es mich noch einmal sehr berührt, und ich muss als Verantwortungsträger in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie sagen: Ich habe mich unendlich geschämt.

Wir sind in den gleichen Jahren aufgewachsen – Herr Wulf ist zwei Jahre jünger als ich – und haben doch in völlig unterschiedlichen Welten gelebt. Die seit der frühsten Kindheit fortgesetzte institutionell organisierte Vernachlässigung und Misshandlung, die Medikation zur Ruhigstellung, der Terror der Nachtwachen, die brutalste, über Wochen fortgesetzte Folter und die massiven Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffe durch ältere Mitpatienten, all dies kann nicht ungeschehen gemacht werden. Was aber wichtig und notwendig ist, ist dass wir diesen Bericht nicht nur als ein bewegendes Zeitzeugnis ansehen, sondern als Herausforderung für unseren heutigen Umgang mit Macht und Zwang in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, also als Anspruch auf eine Haltung.

Herr Wulf sagt an einer Stelle des Buches sinngemäß, dass er eigentlich nur dazugehören wollte. Es ist deshalb wichtig, die Teilhabe von Kindern und Jugendlichen, die heute in der Kinder- und Jugendpsychiatrie behandelt werden, ebenso zu fördern wie auch die Teilhabe der Betroffenen, die nicht nur bis heute unter der damaligen Exklusion in Anstalten gelitten haben, sondern zum Teil weiter in ihrem Leben ausgegrenzt wurden.

Was wir auch würdigen sollten: Betroffene wie Herr Wulf haben eine zentrale Rolle bei der Aufarbeitung der Psychiatriegeschichte. Deshalb waren Herr Schepker und ich auch dankbar, dass uns die Sozialpsychiatrische Informationen (3/2019) und die Psychosoziale Umschau (2/2019 u. 1/2020) Gelegenheit gegeben haben, gemeinsam mit Herrn Wulf Manuskripte zur Aufarbeitung dieser Geschichte zu veröffentlichen. Von Herrn Wulf weiß ich, wie viel es ihm bedeutet hat, im November 2018 auch offiziell von der Politik im Landtag von Schleswig-Holstein bei einem zweitägigen Symposium Gehör gefunden zu haben.

Ich habe ihn immer als Fürsprecher für andere Betroffene erlebt, die, nicht zuletzt auch, weil ihnen Bildung vorenthalten wurde, sich nicht so gut wie er artikulieren und für die Interessen der Betroffenen einsetzen können. Seine Biografie steht nicht nur für ihn selbst, sie ist ein erschütterndes Zeugnis davon, was Institutionen und Einzelpersonen, die mit institutioneller Macht ausgestattet sind, Kindern und Jugendlichen antun können.

Wir hatten bei der damaligen Veranstaltung im Juni 2014 die erste Unabhängige Beauftrage Sexueller Kindesmissbrauch, die frühere Bundesfamilienministerin Dr. Christine Bergmann zurate gezogen, und ich habe ihr nun eines der ersten Exemplare geschenkt. Darauf schrieb sie, die als Unabhängige Beauftragte Tausende von Briefen von Betroffenen selbst gelesen hat: »Es ist einfach unfassbar, wie mit diesen Kindern umgegangen wurde. Wir sind ja wahrlich an harte Geschichten gewöhnt, aber was Günther Wulf von früher Kindheit an an allen Formen von Sadismus erleben musste, ist schwer zu lesen.«

Die Lebensleistung von Herrn Wulf ist beeindruckend und sein Buch kann für viele als Ermutigung dienen, trotz der erfahrenen Gewalt letzten Endes gewaltfrei zu reagieren, ja sogar die Hand auszustrecken, um die Täterorganisationen und Institutionen bei ihrem Veränderungsprozess zu unterstützen. Ich wünsche dem Buch die große Verbreitung, die es verdient. Ich habe es in meinem Umfeld und in der Leitungsrunde meiner Klinik verschenkt und würde mich freuen, wenn auch die Leserinnen und Leser der Psychosozialen Umschau zu seiner Verbreitung beitragen würden.

Prof. Jörg M. Fegert in Psychosoziale Umschau

Letzte Aktualisierung: 30.09.2020