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Psychiatrie Verlag

Die sedierte Gesellschaft - Wie Ritalin, Antidepressiva und Aufputschmittel uns zu Sklaven der Leistungsgesellschaft machen

Zweierlei kann nicht bestritten werden: Die westlichen Gesellschaften haben sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert, und die Zahl der Psychopharmaka konsumierenden Menschen ist massiv angestiegen, bis in die Mitte der Gesellschaft hinein.

Ausufernde Psychopharmakotherapie

Lena Kornyeyeva, in Deutschland promovierte Psychologin ukrainischer Herkunft nach Arbeit in eigener Praxis heute in einer Reha-Klinik tätig, bringt beide Entwicklungen in einen Zusammenhang und spricht im Ergebnis von einer "sedierten Gesellschaft". Man muss nicht allen kulturpessimistischen Schlussfolgerungen der Autorin folgen, die sich an den Antiutopien von Aldous Huxleys "Schöne neue Welt" anlehnen, um aufzumerken angesichts ihrer Beschreibungen der gegenwärtig ausufernden Psychopharmakotherapie.

Wer in einer Zeit, in der die Behandlung psychischer Krankheiten mittels psychoaktiver Medikamente zum allgemein anerkannten Standard geworden ist, Sätze schreibt wie "Psychopharmaka sind immer ein Geschäft mit dem Teufel", muss diese gut begründen. Kornyeyevas Orientierungspunkt hierbei sind nicht etwa randomisierte kontrollierte Studien oder die populäre evidenzbasierte Medizin – obwohl in 141 Anmerkungen reichlich seriöse Quellen benannt werden –, sondern vornehmlich ein über ihre Patienten generiertes Erfahrungswissen, kombiniert mit gründlichem, eigenständigem Denken.

Erfahrungswissen

Zu Beginn ihrer Argumentationskette moniert sie, die von Pharmakologen behaupteten Wirkmechanismen im Gehirn, wie etwa die von Antidepressiva, seien in Wirklichkeit unbewiesene Hypothesen. Wer ehrlich ist und Bescheid weiß, wird dem beipflichten! Auch den weit verbreiteten Glauben, dass Psychopharmaka – ob nun Ritalin bei der so genannten Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) oder selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) bei Depressionen – "ein chemisches Ungleichgewicht im Gehirn korrigieren", attackiert die Autorin. Stattdessen "bringe" die Einnahme von solchen Medikamenten "vieles durcheinander", da "ein natürliches System [im Gehirn] durch ein anderes, künstliches ersetzt“ werde.Die Folge sei, dass Patienten zwar Wirkungen verspüren, „aber oftmals nicht die erwünschten". Wie gut, dass endlich jemand anspricht, dass der "Eingriff in die komplexen Regelkreisläufe des Gehirns eine riskante Sache ist".

Kornyeyeva geht jedoch noch einen Schritt weiter: Sie konstatiert, dass durch die Dämpfung der Gefühle des Patienten mittels Antidepressiva "eine Auseinandersetzung mit Problemen verhindert, zumindest verschoben" werde. Nach Meinung der Autorin ist dies verheerend: "Antidepressiva sind kein effektiver Therapieansatz, sondern sie verhindern durch die blockierte Gefühlsverarbeitung eine Heilung." Da so auch die Selbstheilungskräfte gebremst würden, sorgten Antidepressiva dafür, "dass ein depressiver Mensch krank bleibt und kränker wird". Wow!, kann man da nur sagen. Und Respekt, dass Frau Kornyeyeva sich getraut, ihre Finger in die pharmazeutisch geschlagene Wunde zu legen.

Warum nehmen Menschen Psychopillen ein?

Warum aber nehmen Menschen dann überhaupt Psychopillen ein? Auch auf diese Frage gibt das Buch Antworten: einmal sehr schön und klar über Fallbeispiele, in denen die Autorin ihre Patienten selbst zu Wort kommen lässt – und dabei nicht den Fehler macht, deren selektive Aussagen für repräsentativ zu halten. Zum anderen erneut durch eine gründliche Analyse des "eingespielten, gut funktionierenden Systems": Psychopharmaka seien so verlockend, da sie "Heilung ohne Anstrengung und Konflikte" versprächen. Da die Pillen meist kurzfristig ein weiteres Funktionieren ermöglichen, können sie eine Bewältigung der Probleme vorgaukeln. Realiter aber neigten Betroffene dann dazu, "ihre eigene Verantwortung abzugeben".

Medikamentöse Scheinlösungen

Damit befinden wir uns beim zweiten wesentlichen Argumentationsstrang von Kornyeyeva, der Gesellschaft. Allgemein gilt: Wenn die Entwicklung so fortschreitet wie bisher, ist – wie in den USA! – auch hierzulande zu erwarten, "dass bald die Mehrheit der Städter bewusstseinsverändernde Mittel nimmt". Kernpunkt von Kornyeyevas gesellschaftlicher Analyse aber ist das Thema "Normierung". Die nämlich wird immer mehr seitens der Gesellschaft gefordert, und Psychopharmaka dienen dann dazu, "Menschen wieder in die Norm zu bringen".

Gerade für ADHS und deren medikamentöse Behandlung gilt das zweifelsohne. Kornyeyeva beschreibt dezidiert die hier entstehende Pathologisierungsschlaufe, in die das medikamentierte Kind gerät; mag sein, es wird dabei sozial unauffällig, aber auch seine Lust, Neugier und Kreativität gehen verloren. Vor allem aber wird es sich selbst entfremdet – ebenso wie der Depressive, der, in seinem Gefühlsleben gedämpft, die "Verbindung zum Selbst" verliert. In einem fatalen Kreislauf nimmt die medikamentöse Scheinlösung dem Patienten die Chance, sich mit seinen Problemen auseinanderzusetzen, den Druck der gegenwärtigen Verhältnisse zu erkennen oder gar aus seiner belastenden Situation auszubrechen.

Fundamentalkritik an der ärztlich-pharmakologischen Praxis

Je länger er in der psychopharmakologischen Matrix steckt, desto ohnmächtiger wird er! In diesem "Strudel der Entmündigung" arbeiten "diese »guten« Menschen des 21. Jahrhunderts […] wie Ameisen" und akzeptieren "die Bedingungen der schönen neuen Welt als Normalität". Die "reine Symptombehandlung mit Psychopharmaka" treibe diese "unheilvolle Spirale nach unten, einen Teufelskreis der Pathologisierung" an. Aus "leicht psychisch Auffälligen mache [dies] schwer Kranke", und die grassierenden psychischen Erkrankungen seien daher nicht allein eine Folge der modernen Arbeitswelt, sondern "vor allem eine Folge falscher Antworten, die die Fachleute anbieten".

Zusammengefasst ist das, was Kornyeyeva in ihrem Buch darlegt, eine Fundamentalkritik an der gegenwärtigen ärztlich-pharmakologischen Praxis, mittels der sich der moderne Mensch "eine Kompetenz nach der anderen aus der Hand nehmen lässt". Zwar gäbe es einen Weg zurück – und Kornyeyeva sieht ihn in einer grundlegenden Selbstermächtigung, welche eine richtig verstandene Psychotherapie hervorragend unterstützen könne –, aber "mit Tabletten wird es ungleich schwerer, diesen Weg zu finden".

Klar ist für die Autorin jedenfalls, dass man "mit Pillen niemals wird psychische Probleme lösen können", denn dazu sei "unser Menschsein zu komplex". Das "Wegdriften der Gesellschaft in eine unheilvolle Richtung" sieht sie hingegen schon in vollem Gange. Fragen wir uns also, ob wir eine psychopharmakologisch zugerichtete Welt wirklich wollen, oder beginnen wir endlich, entgegenzusteuern. Denn – so heißt es ganz am Ende dieses beeindruckenden und gegen den herrschenden fachlichen Mainstream gerichteten Buches –: Wir können (noch) etwas tun!

Jürgen Karres in Soziale Psychiatrie

Letzte Aktualisierung: 28.03.2017