Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
Dachverband Gemeindepsychiatrie
Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Neue Antidepressiva, atypische Neuroleptika Risiken, Placebo-Effekte, Niedrigdosierung und Alternativen

Der wichtigen, undankbaren Aufgabe, der Bastion Psychiatrie auf die Finger zu gucken, hat sich seit gut dreißig Jahren der Diplom-Pädagoge und medizinische Autodidakt Peter Lehmann verschrieben, als unermüdlicher Mahner, Kritiker und Aufklärer.

Peter Lehmann ist es gelungen, seine negativen Erfahrungen mit der Nachkriegspsychiatrie – er war »1977 in Baden-Württemberg in eine Psychiatrische Anstalt verschleppt« worden – konstruktiv zu machen und ein beachteter Psychiatrieexperte zu werden. Mit seinem kleinen Verlag, den er 1986 gegründet hat, gelang es ihm, Teil der Meinungsproduktion zu werden und bis heute zu bestehen. In seinem Verlagsprogramm sind Standardwerke einer kritischen Psychiatrie zu finden, die in mehrere Sprachen übersetzt wurden. Ein Ehrendoktortitel 2010 und ein Bundesverdienstkreuz 2011 krönen seine Verdienste. Vor allem junge und progressive Psychiater, die seine Medikamentenkritik teilen, arbeiten mit ihm zusammen.

In dem hier vorliegenden neuen Buch, das auf seinem Klassiker: »Schöne neue Psychiatrie« aufbaut, liefert Peter Lehmann mit seinen Co-Autoren auf ca. 170 Seiten und gut lesbar eine umfassende, aktuelle Analyse atypischer Neuroleptika und neuer Antidepressiva und über die wieder in Konjunktur gekommene Elektrokrampftherapie. Ihre Risiken und Schäden werden aufgezeigt und Alternativen vorgestellt. Angesprochen werden Betroffene, Angehörige, Ärzte, Pfleger, Sozialarbeiter, Psychotherapeuten, Juristen, Journalisten, Funktionäre von Krankenkassen und Gesundheitspolitiker, also alle, die mit der Psychiatrie zu tun haben.

Marc Rufer zeigt, dass Placebo-Effekte und erwartete therapeutische Wirkungen nicht auseinanderzuhalten sind. Josef Zehentbauer wirbt für naturheilkundliche Mittel und Psychotherapie sowie für ein Engagement im Selbsthilfebereich. Letzteres ist für ihn eine gute Möglichkeit, Selbstverantwortung wiederzuerlangen. Volkmar Aderhold, wie Peter Lehmann Neuroleptika-Experte, plädiert für behutsam eingesetzte Niedrigdosierungen für psychisch erkrankte Menschen, wenn sie ohne Medikamente nicht auskommen (können).

Ein eigenes Kapitel gibt es zum Thema Absetzen von Psychopharmaka, mit der wichtigen Empfehlung, sich mit den Hintergründen der Erkrankung auseinanderzusetzen. Was ist der Sinn der Depression, was der der Psychose? Die zahlreichen anerkennenden Geleitworte von »hochkarätigen« Profis im Buch beglaubigen, dass Peter Lehmann es geschafft hat. Nun wünsche ich ihm den verdienten durchschlagenden Verkaufserfolg.

Es ist Peter Lehmann und uns zu wünschen, dass er und seine Befunde und Bedenken nicht nur wahrgenommen, sondern auch gelesen werden. Das Schwinden aller Illusionen erfordert einen gesunden, ja, einen heroischen Pessimismus, der nicht ohne eine Portion Heldenmut zu haben ist. Peter Lehmann hat sehr viel davon.

Brigitte Siebrasse in Psychosoziale Umschau

Letzte Aktualisierung: 05.02.2018