Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
Dachverband Gemeindepsychiatrie
Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Cannabiskonsum und psychische Störungen

»Cannabis ist weltweit die am weitesten verbreitete illegale Droge; die Einschätzung ihrer Gefahren oft gefärbt von persönlicher Einschätzung.« Der Basiswissen-Band »Cannabiskonsum und psychische Störungen« greift das Thema an der Schnittstelle zwischen Suchthilfe und psychiatrischer Versorgung auf. So besteht in der Suchthilfe oftmals eine Verunsicherung die psychischen Erkrankungen betreffend, während es sich in der Psychiatrie genau andersherum verhält: Der Umgang mit der Suchterkrankung verunsichert. Im ersten Teil bildet der Autor weitreichende Informationen um Begrifflichkeiten zu Cannabis ab, geht aber auch auf gängige Fragestellungen mit klaren Antworten ein: »Bei psychisch erkrankten Personen ist der schädigende Einfluss des Cannabis oft höher als beim Alkoholkonsum«, oder dass Cannabis kein geeigneter Ersatz für Psychopharmaka ist.

Im Buch wird die Entwicklung von Sucht anhand klarer Kriterien erklärt und wie der Cannabiskonsum das Belohnungssystem zum wiederholenden Drogenkonsum verleitet. Ein besonderes Augenmerk liegt auf den Risiken für Jugendliche, bei denen Cannabiskonsum zu einer störungsanfälligen Umstrukturierung des Gehirns führen kann. Praxisbeispiele illustrieren die entstandenen vorübergehenden Beeinträchtigungen in der schulischen Entwicklung und Persönlichkeitsentwicklung und die eingeschränkte Wahrnehmung von Entwicklungsaufgaben. Auf Cannabiskonsum als Bewältigungs- und Betäubungsversuch wird dabei ebenso eingegangen wie auf die Einflüsse der Peergruppe und der Eltern. Letztlich wird auf die zentrale Bedeutung von Ambivalenzen beim Suchtmittelkonsum abgehoben, deren dialektische Betrachtung mittels geschickter Gesprächsführung im besten Fall zu einer Bevorzugung der Abstinenz führt.

Auch Fragen der Komorbidität mit psychischen Erkrankungen werden diskutiert. Ist die Suchterkrankung ursächlich für die psychische Erkrankung oder verhält es sich andersherum? Es wird die Wechselwirkung betont, welche sich konzeptuell herausarbeiten lässt. Ein Hauptaugenmerk richtet der Autor auf die Komorbidität mit Psychosen, indem er die Symptome umfassend abbildet und das durch Cannabiskonsum erhöhte Risiko beschreibt, an einer Psychose zu erkranken. Anhand neurophysiologischer Prozesse wird dieses Risiko plausibel erklärt und mit verschiedenen Modellen wie dem Vulnerabilitätskonzept wird die Wechselwirkung zwischen psychischer Erkrankung und Suchterkrankung geschildert. Mit einer sensiblen Sicht wird auf die Zurückhaltung und Angst von Betroffenen auf die Einnahme von Psychopharmaka eingegangen. Und betont: Cannabis senkt die Wirkung von Antidepressiva und Neuroleptika.

Der Autor schlägt vor, Cannabiskonsum als Versuch zu verstehen, das Leiden zu bewältigen. Er betont, dass die Sucht bei Komorbidität eine Krankheit ist, keine Willens- oder Charakterschwäche. Die Zusammenarbeit mit Klienten wird als Beziehungsarbeit beschrieben, was bei institutionsgeforderter Abstinenz oft herausfordernd ist. So beschreibt er, dass bei einem Cannabiskonsum das größte Problem sein kann, gegen Regeln zu verstoßen, dass jedoch aus diesen Regeln auch neue Wege entstehen können. Entsprechend sollte es Klienten in der Behandlung bei Cannabiskonsum ermöglicht werden, ihr eigenes Scheitern regulieren zu lernen.

Auch die Beziehung zu Angehörigen wird als bedeutsame Ressource beschrieben, die es zu nutzen gilt. Als Interventionsmöglichkeit beschreibt der Autor die Motivierende Gesprächsführung als hilfreich, weil sie ohne Vorurteile den Umgang mit Ambivalenzen bewertet und die Veränderungsmotivation durch positive Ziele fördert.

Dieses kurzweilig zu lesende Fachbuch fördert fundiertes Grundlagenwissen und bietet Helfenden, welche mit Menschen mit Doppeldiagnosen arbeiten, nebst konkreter Handhabe auch hilfreiche Hinweise zum Umgang mit Komorbiditäten. Das Buch kann ebenfalls einen wichtigen Beitrag zur Psychoedukation leisten, indem es Betroffenen wie auch Angehörigen Antworten auf dringende Fragen gibt und mit der dialektischen Sichtweise Raum für Diskussion und Auseinandersetzung öffnet.

Thomas Lampert in Psychosoziale Umschau

Letzte Aktualisierung: 05.02.2018