Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
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Psychiatrie Verlag

Nüchtern – Über das Trinken und das Glück

Daniel Schreiber muss ein Überflieger gewesen sein. 1977 in Mecklenburg-Vorpommern geboren und über ein Fulbright-Stipendium sechs Jahre Student in New York mit den Fächern allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaft, Slawistik, Theaterwissenschaften und Performance Studies schaffte er es mit Ende zwanzig allen (internationalen) Konkurrenten zum Trotz und geadelt vom Vertrauen der Sontag-Erben, 2007 die erste, umfassende Biografie veröffentlichen zu können: "Susan Sontag. Geist und Glamour. Biographie", über die 2004 an Krebs verstorbene große amerikanische Essayistin und politische Aktivistin Susan Sontag, die die Kultur und unser Denken tief greifend veränderte. Sie ignorierte bewusst die Trennung von Hoch- und Popkultur und begeisterte sich ebenso für Dostojewski wie für "The Doors", für Chuck Berry wie für Euripides. (Ihre extravagante Erscheinung lockte berühmteste Fotografen an, sie zu verewigen: Andy Warhol, Henri Cartier-Bresson, Robert Mapplethorpe, Annie Leibovitz, Diane Arbus, Richard Avedon etc.)

Monatliche Kolumne "Nüchtern"

2009 wieder in Deutschland, war Schreiber Redakteur beim Kunstmagazin "Monopol", Kulturressortleiter beim "Cicero", schrieb Texte für die "Zeit", den "Tagesspiegel", das "Philosophie Magazin", "Literaturen", "Du", "Theater heute" und die "taz" für die er seit 2013 die monatliche Kolumne "Nüchtern" verfasst, die er Ende 2014 nach zwei Jahren aufgeben wird.

Seit August 2014 liegt nun der 160 Seiten starke Essay "Nüchtern. Über das Trinken und das Glück“, erschienen im Hanser-Verlag, vor. Darin bekennt Daniel Schreiber freimütig seine eigene langjährige Alkoholabhängigkeit (fünfzehn Jahre) und berichtet, wie er an dem Punkt angelangt war, seine Abhängigkeit zu erkennen und seinen Trinkgewohnheiten ehrlich ins Auge zu blicken. Seit drei Jahren ist er nüchtern und zufrieden, wenn nicht gar glücklich, sein Leben zu leben. Dazu räumt er mit Klischees über typische Alkoholiker auf, vermittelt die neuesten neurobiologischen Erkenntnisse und ist klar und ehrlich auch im persönlichen Bereich, ohne zu viel von sich preiszugeben, ohne peinlich zu werden.

Literarischer, persönlicher Essay

Das Buch ist dabei weder eine gut erzählte Saufgeschichte noch Ratgeber, sondern es ist ein literarischer, persönlicher Essay. Er tabuisiert nichts zur Alkoholsucht und zeigt Reaktionen und Folgen im Körper genauso auf wie psychische Probleme. Abhängigkeit, so Schreiber, existiert schon lange, bevor sie sich in den Leberwerten niederschlägt. Die Neurobiologie fand laut Schreiber schon vor Jahren heraus, dass Abhängigkeit eine neurologische Veränderung im Gehirn bewirkt und dass diese Abhängigkeit nichts mit Disziplin- und Willenlosigkeit zu tun habe. Dieses veränderte, quasi umprogrammierte Gehirn beeinflusst allein den Drang, weiter trinken zu müssen.

Die Mechanismen der Selbsttäuschung, die es den meisten Menschen erlauben, ihr Alkoholproblem zu bagatellisieren, kommen thematisch auch nicht zu kurz. "Selbstbetrug ist eine geradezu kosmische Kraft", sagt Schreiber. "Wir verleugnen bestimmte Seiten an uns, die wir nicht mögen, verschließen die Augen vor Problemen, die uns unlösbar scheinen, erzählen uns Geschichten über uns selbst. Wenn man nur stark genug an etwas glaubt, schafft man es erstaunlich lange, dieses Selbstbild auch anderen zu vermitteln. Selbstbetrug schafft kleine dysfunktionale Welten. Als Trinker ist man ein unbestrittener Experte!" (O-Ton Schreiber).

Alkoholabhängigkeit ist ein Phänomen der Mehrheitsgesellschaft

Er fragt, warum sich eine Gesellschaft diese Droge gestattet und zugleich diejenigen stigmatisiert, die damit nicht umgehen können. Alkoholabhängigkeit ist, so Schreiber, keine Randerscheinung, sondern ein Phänomen der Mehrheitsgesellschaft, eng verknüpft mit unserem Wirtschaftssystem und unseren Arbeitsstrukturen: "In Wahrheit sind unsere Kultur des Trinkens und unsere Kultur des Arbeitens so eng miteinander verknüpft, dass sie sich im Leben vieler Menschen gegenseitig unterstützen. Ohne das Ventil des Alkohols, ohne seine kraftvolle Abschaltfunktion würde unser System von Wirtschaft und Arbeit wahrscheinlich nicht so gut funktionieren."

Die Folgen der Sucht: Alkoholismus ist noch weiter verbreitet als Diabetes und hat noch schlimmere gesundheitliche Folgen. Mehr Personen sterben jährlich an Leberzirrhose als bei Verkehrsunfällen. Alkoholismus richtet auch größere Schäden an als Heroin und Tabak. Außerdem stehen 27 Prozent von uns an der Schwelle zur Abhängigkeit. Die typischen Abhängigen seien auch weniger sturzbetrunken auf der Parkbank zu finden, sondern im Lehrerzimmer, auf dem Bau, in der Redaktion, in der Arztpraxis oder im Friseurladen. Sie sind sozusagen funktionierende Alkoholiker. So sieht sich Schreiber auch selbst, der ebenfalls größtenteils "unscheinbar" getrunken hat und beruflich erfolgreich blieb, nur dass er sein Leben um die Flasche Wein herum organisierte.

Die meisten Alkoholiker sehen nicht kaputt aus

"Die meisten Alkoholiker sehen nicht kaputt aus. Sie leben nicht auf der Straße, haben Freunde und einen Job. Sie sind Menschen, die früher einmal tatsächlich Spaß hatten, wenn sie tranken" (Schreiber). Er selbst sei nüchtern geworden, weil er immer öfter zu viel trank. Er brauchte für seinen Entzug keine Klinik, sondern besucht stattdessen regelmäßig AA-Selbsthilfegruppen, die er auch deshalb schätzt, weil alle gesellschaftlichen Schichten in ihnen zu finden sind. Kontrolliertes Trinken hält Schreiber, seriöse Studien zitierend, für unmöglich. Nur wenn der trockene Alkoholiker sich schämt, nicht zu trinken, dann ist es ein Problem, sagt Daniel Schreiber.

Der Unterschied zwischen Vergnügen und Glück müsse begriffen werden, und er überlässt es dem Leser, auf diese Unterscheidung eine Antwort zu finden. Seine Quintessenz ist, dass ein erfülltes und glückliches Leben ohne das Trinken möglich ist. Faszinierend an diesem Buch ist nicht nur, dass es als ein literarischer, persönlicher Essay großes Lesevergnügen macht, sondern Schreiber räumt auch mit dem "Suchtmythos"-Klischee auf, dass Alkoholismus nur etwas mit dem Endstadium der Krankheit zu tun hat, denn dies gibt den so genannten funktionierenden Alkoholikern die Gelegenheit, umso mehr zu trinken und sich dabei okay zu fühlen.  Für Schreiber ist das "magisches Denken", weil es "unzählige Menschen, die Hilfe brauchen, dazu bringt, sich keine Hilfe zu suchen".

Verdienst des Buches

Es scheint mir eines der Verdienste dieses Buches zu sein, dass Schreiber ein besonderes Augenmerk hat auf normal und unauffällig lebende "Erleichterungstrinker", die im Alltag funktionieren. Denn genau darum geht es dem Autor, dass möglichst viele Menschen ihr Verhältnis zum Trinken und ihr Verständnis von Abhängigkeit überprüfen und durchdenken.

Brigitte Siebrasse in Soziale Psychiatrie

Letzte Aktualisierung: 29.03.2017