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Psychiatrie Verlag

Panikherz

Ja, es gilt auch in der Psychosozialen Umschau, über die langjährigen Drogenexzesse und die Magersucht des als Popliteraten privilegierten Benjamin von Stuckrad-Barre zu schreiben. Mit seinem Bestseller ist er wie der erfolgreiche Hans im Glück mit Happy End, und mit mehr Glück als Verstand, wie meine Großmutter sagen würde, während viele Schluckspechte und Junkies seiner Couleur im Elend festsitzen.

Äußerst subjektive Nabelschau

Es spricht mich an, dass der 41-jährige Sohn von Öko-Eltern, sein Vater war zudem Pastor, in "Panikherz" eine äußerst subjektive Nabelschau betreibt, ohne allzu viel Privates zu verraten. Kein Wort über seine Beziehungen, dass er sechs Jahre mit der vielleicht begabtesten deutschen Comedian liiert war, einer wohlgemerkt starken Frau, und heute mit einer Journalistin verheiratet ist und einen kleinen Sohn mit ihr hat.

Stuckrad-Barre beschreibt auf eine umwerfende und fulminante Art die Bedeutung der Pop- und Rockmusik der letzten 30 Jahre und was dies für die Biografie eines Menschen bedeuten kann, was das Erwachsenenwerden bedeuten kann und bedingungslose Freundschaft, vor allem die zu seinem großen Vorbild und Lebensretter Udo Lindenberg. Diesen verehrte er schon mit zwölf Jahren und kann dessen Liedtexte auch während extremster Abstürze noch auswendig hersagen. Lindenberg-Liedzeilen zieren sein Buch fast in jedem Kapitel.

2015 gelang es Udo Lindenberg, Stuckrad-Barre zum erfolgreichen Nach-Entzug in das mythenumrankte Promi- und Luxushotel Chateau Marmont nach Kalifornien zu begleiten, in dem schon James Dean Fenstersprünge übte, John Belushi an einer Überdosis starb und Courtney Love 45000 Dollar Schulden hatte. Mit Udos Hilfe als treuer und zuverlässiger Freund schafft es Stuckrad-Barre, wieder schreiben zu können. Er braucht ein Jahr in dieser Atmosphäre illustrer Geschichten und Schicksale, für fast 600 Seiten.

Dramatisch und hochemotional

Er schreibt clean und trocken. Vielleicht ist ja der Buchtitel "Panikherz" bereits eine Danksagung an den nun 70-jährigen Udo Lindenberg, in dessen fantastischer Panikfamilie Stuckrad-Barre schon länger aufgenommen wurde und dem als "Box-Ben" auf dem neuen Udo-Cover vice versa gedankt wird. "Unsere Familie, kannste sicher sein, das bleibt / denn wir sind stärker als die Zeit / ewiges Band, das nie zerreißt / und alles, was ich will / ist, dass du das auch weißt", singt Udo L. dort gänsehautreif, dramatisch und hochemotional untermalt von der Musik aus dem Paten.

Wenn man Benjamin Stuckrad-Barre auf seiner Lesetournee erlebt hat, wirkt er ein wenig wie ein Getriebener. Ein schlanker, gelenkiger, nervöser Typ, er weiß sich zu inszenieren, ist ein Ereignis. Feierliche Kirchenmusik, bevor er auf die Bühne kommt, abgelöst von Oasis-Klängen und von 80er-Trash. Agil springt er vom Bühnenpodium runter auf Publikumshöhe, klettert dann wie der Wind an einer anderen Seite wieder hoch auf die Bühne. Er ist selbstironisch und oft unmöglich, bricht immer wieder gern aus dem Text aus und kommentiert. Er liest bühnenreif und ist großartig dabei. Hektisch raucht er mehrere Zigaretten.

Das muss ihm erst einmal jemand nachmachen

Was Dichtung oder Wahrheit sein kann, ist flirrend, kaum zu unterscheiden, auf jeden Fall hat das subversiven Witz. Seine Udo-Parodien sind genial. Selbst wenn er über seine Kokainsucht, Alkohol, Bulimie und Selbstzerstörung liest, kann er komisch sein. Ob es Distanz oder Verdrängung ist, wagt man nicht zu beurteilen. Er beschreibt seine jahrelange Abhängigkeit vom Alkohol und Kokain mitsamt ihren Auswirkungen derart glaubhaft und authentisch, dass man die Suchtabläufe plausibel begreifen kann. "Panikherz" ist voller begnadeter Beobachtungen, Wahrnehmungen, voller Höhepunkte. Das muss ihm erst einmal jemand nachmachen.

Hier nur einige Karrierestationen seines Lebens, als er in Göttingen anfing, als Plattenkritiker zu arbeiten, um gratis auf Konzerte zu kommen. In seinem Leben auf der Überholspur ist er Praktikant bei der taz-Hamburg, arbeitet als Redakteur beim Rolling Stone, bekommt einen Job bei der Plattenfirma Motor Music, wird Gag-Schreiber bei Harald Schmidt, persönlicher Referent von Friedrich Küppersbusch, Redakteur bei der FAZ, Moderator bei MTV, schreibt in kurzer Zeit mehrere Bücher und geht mit diesen Bestsellern auf ausverkaufte Tourneen.

Ständige Begleiter

Alkohol und Kokain werden zu ständigen Begleitern, um die immer schneller rotierende Maschine zu ölen, um sich wegzubeamen und abzuheben. Bei Udo Lindenberg entdeckt Stuckrad-Barre den "Rausch als Spaß und Selbstzweck, den Rausch aber auch als Protest, als Haltung. Als eine Art, durchs Leben zu taumeln und nur sehr ausgewählt die permanenten Ernsthaftigkeitsangebote der Umwelt anzunehmen". Sein Leben endete nach vielen Jahren als gefeierter Popliterat im Absturz. Er ging durch die Hölle, einmal konnte er wochenlang seine Wohnung nicht finden. »Er hinterlässt eine Schneise der Enttäuschung und Zerstörung«, sagt er selbst über diese Zeit, er verliert den Bezug zur Realität, flüchtet aus allen sozialen Bindungen, vergräbt sich, heckt wahnwitzige Pläne aus, solange das Koks das Gehirn auf Touren bringt.

Die Sucht ist deprimierend, eintönig, öde und hat nichts mehr mit Rausch als Spaß zu tun. Doch Stuckrad-Barre hat sein Leben wieder in die Waagschale geworfen, erschaffen hat er einen Entwicklungsroman und eine Zeitgeistanalyse in einem, die in ihrer intelligenten Wahrhaftigkeit anregen und berühren und etwas darüber aussagen, wie großartig das ist, wenn nach allen Abstürzen Lebensfreude und Daseinslust wieder die Oberhand gewinnen.

Brigitte Siebrasse in Psychosoziale Umschau

Letzte Aktualisierung: 29.03.2017