Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
Dachverband Gemeindepsychiatrie
Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

303

Der Filmemacher Hans Weingartner hat psychische Störungen filmisch umgesetzt wie sonst keiner. „Das weiße Rauschen“ und „Die Summe meiner einzelnen Teile“ sind bis heute unübertroffen –finde ich. Auf der 68. Berlinale lief nahezu unbemerkt ein Film von eben diesem Hans Weingartner. Er reichte ihn ursprünglich für den Wettbewerb ein; doch dann wurde er dazu überredet, den Spielfilm „303“ als Eröffnungsfilm der Reihe Generation 14 plus zu zeigen. Ich weiß nicht, ob das eine gute Entscheidung war.

303 heißt der Oldtimer-Bus, den die 24jährige Biologiestudentin Jule geerbt hat. Sie hegt und pflegt ihn. Nun will sie mit ihm nach Portugal fahren, wo ihr Freund in einer Kommune lebt. Sie hat gerade eine Prüfung versemmelt und der Schwangerschaftstest war positiv. Da gibt es einiges zu klären.

An einer Tankstelle fischt sie den gleichaltrigen Jan auf, Student der Politikwissenschaften und unterwegs nach Spanien, wo er seinen leiblichen Vater treffen will. Ein kleines Stück kann sie ihn mitnehmen.

Zunächst ist Jan also nur für einige Stunden ihr Mitfahrer. Die beiden erzählen, und diskutieren und die Landschaften ziehen vorbei. Jan steigt an einer Raststätte aus und Jule übernachtet in ihrem Bus. Es gibt Ärger, und Jan taucht auf und steht ihr bei. Also fährt er nun doch wieder mit, immer weiter, durch die französische Provinz. Da sind diese wunderbaren Städte, die Flüsse und das Meer. Die beiden diskutieren über die Evolution, über den Kapitalismus und Beziehungen, sie kochen und gehen schwimmen. Es macht unglaublich Spaß, den beiden zuzuhören und zu sehen. Sind diese herzerfrischenden Dialoge improvisiert?

Weingartner hat jedes einzelne Wort festgelegt und wochenlang mit Mala Emde und Anton Spieker geprobt. Gedreht wurde mit kleinem Team auf der Fahrt nach Portugal, fast wie in einem Dokumentarfilm. Tatsächlich meint man, im Bus zu sitzen und mitzufahren.

„303“ hat eine unglaubliche Leichtigkeit. Die jungen Leute meint man zu kennen, so authentisch und selbstverständlich gehen sie miteinander um. Man wird ein wenig neidisch um ihre Jugend.

Im „Weißen Rauschen“ fährt Daniel Brühl gegen Ende ja auch mit einer Gruppe von Hippies in einem VW-Bus nach Spanien. Von diesen Fahrten träume er noch immer, meint Weingartner, und von den endlosen Diskussionen am Küchentisch der WGs, in denen er wohnte.

Vielleicht hat ein solcher Film auf dieser Webseite gar nichts verloren. Aber nehmen Sie doch mal eine Auszeit, und hören Sie zu, wie zwei junge Leute das Leben und die Liebe entdecken.

Ilse Eichenbrenner

Letzte Aktualisierung: 05.03.2018