Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
Dachverband Gemeindepsychiatrie
Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Adam

Bei der 68. Berlinale waren in der Sektion „Generation“ etliche Filme zu sehen, die man eher im Kino für erwachsene Menschen erwarten würde. „Generation“ ist die Reihe für Kinder-und Jugendfilme.

Adam lebt allein in einer großen Wohnung in Neukölln. Er ist gehörlos und stumm, kann aber das Wummern der Bässe in seinen Boxen spüren. Er ernährt sich ausschließlich von asiatischen Instant-Suppen, die er mal heiß löffelt, mal trocken knispert. Er hat nicht viel zu tun, er ist arbeitslos. Es scheint eine Mutter zu geben, eine Musikerin und Sängerin, doch die ist weg. Adam sehnt sich nach ihr. Wenn er sein Ohr an die Box legt dann hört er ihre Musik, die Schwingungen ihrer Stimme. Adams Mutter hat Techno-Musik gemacht, und viel zu viel getrunken. So viel erfährt der Zuschauer allmählich. Die Mutter lebt in einem Pflegeheim; ein Korsakow-Syndrom hat sie zu einem Pflegefall gemacht, sie sitzt völlig hilflos im Rollstuhl. Eine Sozialarbeiterin versucht Adam das alles zu erklären. Sie wird nicht zurückkehren, die Wohnung kann er allein nicht finanzieren. Er muss ausziehen.

Adam hat ein gesundes Selbstbewusstsein. Über eine Dating-App lernt er eine junge Frau kennen. Zunächst haben sie nur Sex, und trennen sich wieder. Adam ruft hartnäckig bei ihr an; ganz allmählich wird daraus so etwas wie eine Beziehung. Adam agiert vor allem mit seinem Körper: Er fasst an, er umarmt. Er sucht Hilfe bei Bekannten und Verwandten. Er hat seiner Mutter versprechen müssen, ihr das Leben zu nehmen, sollte sie so dement wie Oma werden und nur noch dahin vegetieren. Nun ist es soweit. Adam ist hin- und hergerissen. Er holt die Mutter aus dem Heim, trägt sie die Treppen hoch. Das wäre die Lösung, wenn er sie in der Wohnung betreuen könnte. Doch sie ist völlig verwirrt, weint, will nur noch zurück in ihre vertraute Umgebung, das Heim. Immer wieder betrachtet Adam die Zettel und Nachrichten, die ihm seine Mutter hinterlassen hat. Er besorgt sich Tabletten.

Es ist eine eigenartige, aber auch berührende Geschichte, die die isländische Regisseurin mit ihrem Sohn als „Adam“ in Berlin umgesetzt hat. Mit einfachen Mitteln, in ihrer eigenen Wohnung und in Gedenken an das Schicksal ihrer eigenen Mutter hat sie diesen Jugendfilm inszeniert. Mich hat sehr irritiert, dass Adam nicht in der Gebärdensprache kommuniziert. Nur in einer kurzen Szene, in der er sich per Skype mit einem Freund unterhält, bewegt er seine Hände zu einigen wenigen Gebärden. Das Thema der Sterbehilfe und Adams Ambivalenz werden hingegen eindrucksvoll vermittelt. Natürlich ist das ein sehr stiller und stummer Film, das liegt in der Natur der Behinderung. Ich fand es trotzdem sehr schön, dass Adams Gedanken in Form einer Voice-Over-Stimme vermittelt werden. Doch über diese formale Inkonsequenz kann man streiten.

Ilse Eichenbrenner

Letzte Aktualisierung: 05.03.2018