Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
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Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Ana, mon amour

Toma mit seinen Locken ist wunderschön, vor allem, wenn er lacht. Ana ist wunderschön, und die beiden lieben sich und ihre intellektuellen Debatten. Sie führen ein interessantes Leben an der Uni mit vielen Freunden. Sie sind ein glückliches Paar. Sie fahren zu Anas Eltern in die Provinz, wo sich Toma ein wenig ekelt vor dem Stiefvater, dessen Schlafanzug er tragen und dessen Bett er teilen soll. Doch das tut seiner Liebe zu Ana keinen Abbruch.

Die beiden meinen es ernst. Er stellt Ana seinen eher gutbürgerlichen Eltern vor, und es gibt Krach. Doch das schweißt die beiden eher noch stärker zusammen. Ab und zu hat Ana eine Panikattacke, vielleicht ist sie sogar medikamentenabhängig? Toma ist fürsorglich; er sucht mit ihr nach der besten Behandlung, den besten Ärzten. Der Psychiater meint, sie sei abhängig, müsse ausschleichen, Trevilor und ein Blindmedikament werden stattdessen verordnet. Ana ist verzweifelt. Eines Tages findet Toma sie mit einer Überdosierung und vollgemachter Hose in ihrem Zimmer im Wohnheim. Bevor er den Krankenwagen ruft schleift er sie unter die Dusche und säubert sie.

Ana ist schwanger, die Ärztin befürchtet eine postnatale Depression. Als Prophylaxe beginnt Ana mit einer Psychoanalyse. Sie sucht nach Erklärungen in ihrer Kindheit, in ihrem Elternhaus. Ist Ana von ihrem Stiefvater missbraucht worden? Inzwischen haben die beiden sich völlig isoliert, sind nur noch mit sich und dem kleinen Jungen beschäftigt. Vor allem Ana sucht immer wieder Trost und Hilfe in der Kirche. Doch dann scheint die Therapie zu greifen, Ana blüht allmählich auf. Doch nun geht es Toma immer schlechter. „Ich wünschte, wir wären zusammen gewachsen“, meint Ana später einmal, und natürlich wäre es wunderbar, wenn sich beide gleichermaßen entwickelt hätten.

Doch je unabhängiger Ana wird, desto mehr klammert Toma. Nur wenn sie schwach ist, ist er stark. Er ist ein kleinlicher, zänkischer Mann geworden. Er verliert seinen Job in einer Redaktion, später wird Ana genau diese Stelle angeboten. Es kommt zur Trennung, und Toma findet einen Therapeuten. Er erinnert sich und blickt zurück.

Der Film erzählt zunächst chronologisch, um dann immer häufiger vor -und zurück zu springen. Es gibt zahlreiche Bezüge zu kulturellen und politischen Konflikten Rumäniens. In der Psychoanalyse erinnert sich Toma an die Szenen seiner Ehe, was zu langen Rückblenden führt. Insgesamt wird so ein Zeitraum von ca. 10 Jahren umgepflügt.

Nicht alle waren mit dieser Erzählweise einverstanden. Die etwas hektische Kamera und die vielen Szenenwechsel ließen nicht wenige Rezensenten leiden. Doch genau für diesen Schnitt wurde der Film mit einem Silbernen Bären (für eine herausragende künstlerische Leistung) ausgezeichnet. Mich hat vor allem die Fallhöhe beeindruckt: Auf die sinnlichsten Momente des ganzen Festivals folgt fast schleichend die Destruktion. „Ana, mon amour“ ist eine gelungene Studie über Abhängigkeiten.

Ilse Eichenbrenner

Letzte Aktualisierung: 03.08.2017