Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
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Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Auf der Couch in Tunis

An dieser französisch-tunesischen Koproduktion lässt sich der Schlingerkurs der Filme in den Zeiten der Pandemie beispielhaft demonstrieren. Ich kann mich gut daran erinnern, dass ich im Juni 2020 eine Einladung zu einer Pressevorführung am 2. Juli um 10.00 Uhr erhalten habe. Davor mussten alle Pressevorführungen wegen des 1. Lockdowns abgesagt werden. Ich hatte ein ungutes Gefühl und konnte mich nicht aufraffen. Der offizielle Kinostart des Films war für den 16. Juli angekündigt. Vielleicht erinnern Sie sich an diese Zeit. Im Sommer 2020 atmete man auf und versuchte so viel Zeit wie möglich im Freien zu verbringen.

Die Furcht vor der für den Herbst angekündigten 2.Welle lähmte. In den Kinos wurde streng reglementiert; nur einzelne Sitze durften belegt werden, bei Verlassen des Platzes war sofort eine Maske zu tragen. Die Stimmung war gedrückt. Ich war in jenen Tagen nur in zwei - drei Filmen. „Auf der Couch in Tunis“ war nicht darunter. Vermutlich hatte der Film insgesamt nicht viele Zuschauer, obwohl er breit beworben wurde und in Venedig immerhin den Publikumspreis gewonnen hatte. Nun hat ihn der Streamingdienst von Amazon in seinem  Programm aufgenommen, und auch eine DVD ist käuflich.

Der Inhalt ist rasch erzählt. Eine junge, hübsche Psychoanalytikerin namens Selma kehrt 10 Jahre nach der Revolution aus Paris in ihre Heimat zurück. Sie will eine psychoanalytische Praxis eröffnen, und richtet notdürftig einen Raum auf dem Dach des Hauses ein, das der Familie gehört. Die Familie des Onkels ist nicht gerade begeistert.  Ihr Vater hat ein Auto angezahlt, und eine urige Klapperkiste wird ihr übergeben. Sie will wütend ihr Geld zurück und scheitert. Damit ist der Grundton des Films angeschlagen: Etwas schräg, ziemlich bunt mit einer Tendenz zu Klamauk. Selma lässt Werbezettel drucken und verteilt sie in einer Ambulanz, in diversen Läden und im Beauty-Salon. Zunächst sind die Menschen entrüstet, dass sie für bloßes Quatschen Geld bezahlen sollen. Doch dann stehen sie auf der Treppe Schlange.

Die junge Analytikerin versteht ihr Handwerk; sie hört zu, sie versteht und entlastet. Natürlich gibt es Missverständnisse – eine junge Französin mit einer Couch! Die Probleme der Kundschaft sind vielfältig und es wird viel gejammert. Doch dann gibt es Ärger mit der Polizei, weil sie keine Lizenz für ihre Praxis hat. Immer wieder landet sie bei der Vorzimmerdame des zuständigen Beamten, die ihr traumhafte Dessous zum Kauf anbietet, die unentwegt kaut und frühstückt. Wir erleben eine Autopanne, einen suizidalen Imam, den Versuch die Lizenz auf verschiedenen Wegen zur erpressen und schließlich so etwas wie ein kleines buntes Happy End. Der Polizist, der sie so lange schikanierte, schlendert mit ihr am Strand von Tunis.

Der Film hat gute Laune und wird niemals langweilig und das ist in diesen grauen Tagen die halbe Miete. Mir hat am besten eine kleine Sequenz gleich am Anfang gefallen. Ein Mann  hilft ihr dabei, ihre Möbel auszuladen. Beide schauen auf ein sorgfältig verpacktes Bild. „Ist das dein  Vater?“ fragt der Nachbar. Nein. „Dann dein Großvater?“ Nein. „Irgendwie kommt er mir bekannt vor. Er trägt Bart. Ist es ein Muslim-Bruder?“ Sie sagt: „Er ist Jude“. Der Nachbar erschrickt. „Ein Jude? Sei bloß vorsichtig. Sonst bekommst  du noch Ärger. „Sie sagt: „Er ist mein Boss!“ Erst dann schwenkt die Kamera auf das Bild, und wir sehen Sigmund Freud, mit einem Fez auf dem Kopf.

Ilse Eichenbrenner in Soziale Psychiatrie

Letzte Aktualisierung: 11.05.2021