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Psychiatrie Verlag

Der goldene Handschuh

Im diesjährigen Wettbewerb der Berlinale lief der neueste Spielfilm von Fatih Akin: Der Goldene Handschuh. Seinen Kinostart hat der umstrittene Film bereits am 21. Februar 2019. Zu diesem Film wurde bereits während der Berlinale unglaublich viel geschrieben und gesendet. Es gab unzählige Artikel, Kommentare und höchst unterschiedliche Meinungen. Bleibt mir also nur, meine ganz persönliche Erfahrung zu berichten. Der erfolgreiche Roman von Heinz Strunk, der dem Film zugrunde liegt, hatte mich überzeugt und auf die Brutalität  vorbereitet.

Fatih Akin konzentriert sich ganz und gar auf die Jahre, in denen der Serienmörder Fritz Honka vier ältere Frauen in seiner Wohnung ermordet, zerstückelt und versteckt hat. Diese Wohnung – das zeigen die Originalaufnahmen der Polizei im Abspann – hat genau so ausgesehen. Sie ist heruntergekommen, die Wände sind mit pornografischen Zeitungsausschnitten beklebt. Auf einem Plattenspieler laufen Schlager aus den Siebzigern, die man nicht mehr unbefangen wird hören können. Es ist diese Wohnung, dieses Milieu, das in mir Erinnerungen an Hausbesuche weckt, die ich als junge Sozialarbeiterin gemacht habe und mich überwältigt.

Vielen, die mit Menschen am Rande der Gesellschaft arbeiten, wird es ähnlich gehen. Honka wird verkörpert von dem jungen, schönen Schauspieler Jonas Dassler, den der Maskenbildner vor jedem Dreh in stundenlanger Arbeit in das hässliche Monster verwandelt hat. Viele halten Dasslers Darstellung des Honka für einen Geniestreich. Bei mir hat es nicht wirklich funktioniert; ich war mir immer bewusst, eine schauspielerische Bravourleistung zu sehen. Die Darstellung der Opfer durch eine ganze Riege hervorragender Schauspielinnen steht dem in nichts nach.

Alle Szenen sind zu realitätsnah, um sie bewundern oder gar genießen zu können. Vermutlich war nicht nur ich vor allem damit beschäftigt, diese 110 Minuten durchzustehen. Tapfer schaut man auf die Leinwand, hört die entsetzlichen Geräusche der Säge und versucht den Gestank, der unweigerlich imaginiert wird, zu verkraften. Nicht wenige haben während der Berlinale den Saal verlassen.

Zweifellos: Ein großes Erlebnis und eine große Erleichterung, wenn das alles vorbei ist. Erst Stunden später fing ich an zu zweifeln: Wozu ist das nun gut, weshalb muss man sich das antun? Jeder Vorgeschichte beraubt dient das Drehbuch auch nicht dem Verständnis, das in unserer Disziplin grundsätzlich immer zu fordern ist.

Ilse Eichenbrenner

Letzte Aktualisierung: 20.02.2019