Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
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Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Alsterdorfer Passion

Der erfahrene Filmemacher Bertram Rotermund hat eine Dokumentation erstellt, die mit enormer Resonanz bereits öffentlich gezeigt wurde. Die nächste Veranstaltung wird am 15. Mai um 20:00 Uhr in dem Hamburger Kino „Lichtmess“ stattfinden.

Ich finde bereits die Wahl des Titels »Alsterdorfer Passion« überaus klug und angemessen. Der einstündige Film ist lehrreich, bedrückend und beglückend, sofern dieses Wort in Zusammenhang mit einem derart düsteren Kapitel der deutschen Psychiatriegeschichte überhaupt erlaubt ist. Zu Beginn spricht Dr. Michael Wunder an der Pforte der ehemaligen Alsterdorfer Anstalten, die der Versorgung von Menschen mit geistiger Behinderung dienen sollten; er spricht an genau jener Stelle, an der 1941 und 1943 Patienten mit den »Grauen Bussen« zur Tötung abgeholt wurden. Doch es geht in diesem Film vor allem um die Jahre 1945 bis 1975 und um die kaum fassbare Leidensgeschichte der Anstaltsbewohner.

Deren Martyrium ist auch im Rückblick nur schwer auszuhalten. Männer und Frauen schildern, wie sie über Monate und Jahre hinweg festgebunden, eingesperrt und gequält wurden. Es sind vor allem die Berichte von Herrn Boyens, die einen Einblick geben und erschüttern. Genau beschreibt er, wie eine sogenannte »Packung« durchgeführt wurde. Aber auch Beschäftigte berichten über ihre ersten Eindrücke, als sie damals in den Alsterdorfer Anstalten ihren Dienst antraten. Jeden Morgen habe man die Patienten aus der Fixierung abholen müssen. Dramaturgisch klug eingebettet sind diese Zeitzeugenberichte in etwas langatmige Sequenzen des institutionellen Erinnerns und Gedenkens und die Bitte um Entschuldigung bei verschiedenen Veranstaltungen. Ganz richtig verweigert Herr Boyens, der neben Michael Wunder auf dem Podium sitzt, die Akzeptanz dieser Entschuldigung. Er ist gegen seinen Willen und ohne es zu wissen, sterilisiert worden.

1982 gelang es ihm abzuhauen. Er machte eine Lehre und heiratete. Film und Zuschauer bleiben glücklicherweise nicht im Elend stecken. Nur wenige Mitarbeiter haben 1975 Veränderungen gefordert; sie scheiterten zunächst und fanden dann immer mehr Mitstreiter. Wie erfreulich, dass ein ZEIT-Artikel »Die Gesellschaft der harten Herzen« im Jahr 1979 den Umschwung brachte. Das ZEIT-Magazin widmete damals zwei Ausgaben den »Schlangengruben in unserem Land«.

Aus der Anstalt ist die Evangelische Stiftung Alsterdorf geworden; die ehemaligen »Insassen« sitzen in ihrer eigenen Wohnung, wenn sie dem Filmemacher über das Grauen berichten. Diese in jeder Hinsicht hervorragende Dokumentation kann auf DVD erworben werden. Einige Ausschnitte (ca. 15 Minuten) sind auf der Website einzusehen. Ich möchte aber dringend dafür werben, sich den klug komponierten Film in ganzer Länge anzuschauen.

Ilse Eichenbrenner

Letzte Aktualisierung: 08.05.2018