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Psychiatrie Verlag

Einschlägige Personen - Ein Film über Sucht

Es ist nicht einfach, in diesen Film mit seinen raschen Schnitten einzusteigen. Doch dann kristallisieren sich drei Protagonisten heraus: Falk, Rochus und Nicole. Ein adretter, sehr schnell sprechender junger Mann prägt sich als Erster ein. Es ist Falk, ein äußerst disziplinierter Süchtiger. Weder ihm noch den beiden anderen sieht man die 10- bis 15-jährige Suchtkarriere an, Rochus noch am ehesten. Er ist auch nach den Dreharbeiten rückfällig geworden, wie man im Abspann erfährt.

Der Film erklärt nicht, wie die drei Personen zusammenhängen. Man sieht ihre jeweils sprechenden Gesichter und hört ihnen zu. Ausruhen darf sich der Zuschauer mit ruhigen Einstellungen: Zootiere hinter Gittern, ein wenig Natur, Straßen und Himmel.

Falk hatte als Heroinkonsument einen erstaunlich geregelten Tagesablauf: 8 Uhr aufstehen und lesen, vor allem den SPIEGEL, aber auch Bücher; Stoff beschaffen und zurück in die Wohnung. Nachmittags etwas zu essen kaufen und wieder Lektüre. Er hatte keine Kontakte, meint auch, Heroin sei günstig, und man komme mit 200 € aus. Während man noch grübelt, ob täglich, wöchentlich oder monatlich, geht es schon weiter Nicole, ebenfalls hübsch und sehr fit wirkend, sitzt am Ufer des Strandbads Weißensee und erzählt. Sie hat es sogar geschafft, parallel zu einem Ganztagsjob als Altenpflegerin diverse Substanzen zu konsumieren. Immer wieder sieht man sie nun, nach der Therapie, alleine oder mit Falk mit der Lammfellrolle und weißer Farbe die Wände eines Zimmers bearbeiten.

In der Begleitinfo zur DVD ist zu erfahren, dass beide beschlossen haben, als WG zusammenzuleben. Nicole, raspelkurze blondierte Haare, ist lesbisch, kommt damit aber nicht besonders gut klar. Soziale Kontakte scheinen ihr in nüchternem Zustand eher unheimlich zu sein; trotzdem sieht man sie in der Sporthalle, mitten im Pulk beim Volleyball.

Rochus, der älteste und am ehesten von der Sucht gezeichnete der drei, stammt aus Bayern. Er ist über den Versuch, von den harten Drogen wegzukommen, zum Alkoholiker geworden, schwerstabhängig. Eine Herz-OP hat er mit Mühe überlebt. Nun restauriert er Möbel und baut Modelle; diesen Beruf wollte er »richtig« studieren.

Die Kamera wechselt oft innerhalb der Redebeiträge von einer Person zur anderen. Werden die Schnitte allmählich langsamer, oder habe ich mich nach einiger Zeit an die Wechsel gewöhnt? Der Film scheint ruhiger zu werden, gemächlicher, man hat sich eingehört und ist gespannt, wie die Lebensberichte weitergehen. Es gibt thematische Bündelungen: Wie hat es angefangen, wie wurde der Konsum finanziert, wie sah das süchtige Leben aus, hätte man aufhören können?

Die Zeit des Konsums wird zunächst von den drei Suchtkranken eher moderat, fast relaxed erzählt. Substanzen werden erwähnt und ihre Wirkung geschildert. Nicole und Rochus haben geklaut, betrogen, Geld eingetrieben. Die Angehörigen haben es irgendwann gemerkt, waren hilflos. Es gibt auch im Nachhinein keine Idee, was Freunde oder Familie hätten tun können; keine Vorwürfe also, keine Schuldzuweisungen.

Als dann der körperliche Verfall, der Entzug und der Stillstand in der biografischen Entwicklung zur Sprache kommen ist auch ein Erschrecken, ein Ekel bei allen zu spüren. Trotzdem – Falk, Nicole und Rochus entsprechen so gar nicht dem Bild des typischen abgefuckten Fixers oder Junkies. Sie denken nach, sie sind kritisch, sie bewerten. Das Drehbuch löst es nicht, das Mysterium der Abhängigkeit, sondern es wiederholt die Frage noch: Warum gerade wir? Was ist Charakter, was ist Persönlichkeit und was ist die Wirkung, die Folge, die Zerstörung durch die Droge?

Meiner Ansicht nach ist der Film für die Arbeit mit Jugendlichen weniger geeignet, falls man medienpädagogische Aufklärung in Zeiten des Internets überhaupt noch für sinnvoll halten mag. Er warnt nicht vor dem Konsum von Drogen, und die drei Hauptdarsteller geben auch keinen Hinweis, dass Abschreckung irgendeinen Effekt haben würde. So what?

Wer für den Unterricht an Fach- und Hochschulen Material für differenzierte Diskussionen mit angehenden Sozialarbeitern oder Krankenpflegern zum Thema Sucht benötigt, der wird hier fündig. »Einschlägige Personen« weckt Verständnis und Respekt für dieses letzten Endes unbegreifbare Phänomen. Der Film motiviert, Abhängigkeitskranke mit hoher Geduld zu unterstützen, er desillusioniert aber auch. An keiner Stelle gibt es ein Indiz dafür, dass ein Profi, ein Angehöriger oder ein Freund mit den richtigen Worten zur richtigen Zeit »einschlägig« wirksam sein könnte. Mehrfach betonen die drei, dass man selbst darauf kommen müsse – es gibt keinen anderen Weg. Vielleicht könnte man am ehesten noch das zurzeit favorisierte Transtheoretische Modell der Veränderung (Prochaska, DiClemente) als Konzept zugrunde legen, und im weiteren Verlauf des Curriculums die Motivierende Gesprächsführung nach Miller und Rollnick vorstellen.

Rochus schildert, dass er, noch in München lebend, einen Flug nach Berlin buchte, seine Wohnung kündigte und alles ausräumte, bevor er dann (vermutlich bei Synanon) ein suchtfreies Leben aufzubauen versuchte. Es muss also die Gelegenheiten geben, die Mitarbeiter und die richtigen Orte, die Konzepte und die Geduld, um den richtigen Moment abzupassen.

Jene »einschlägigen Personen«, die man an den Bahnhöfen großer Städte sieht und in den Clubs und den Wohnheimen sind unspektakulär, manchmal sympathisch und fast immer klug. Der Film gibt drei von ihnen beispielhaft Gelegenheit zur Reflexion, und dem Zuschauer die Chance, ein paar Vorbehalte gegen Süchtige loszuwerden. Er ist liebevoll, aber nüchtern, und trotzdem nicht clean.

Ilse Eichenbrenner

Letzte Aktualisierung: 12.04.2017