Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
Dachverband Gemeindepsychiatrie
Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Endlich trocken. Wege aus der Sucht

Andrea Rothenburg, deren Filme ich an dieser Stelle nachdrücklich empfehle, hat wieder einen ihrer bemerkenswerten Dokumentarfilme fertig gestellt. Sie hat in zwei Einrichtungen alkoholkranke Menschen besucht, um ihnen vor der Kamera das Wort zu geben. In der vollstationären soziotherapeutischen Einrichtung Ahornhof in Schleswig-Holstein gilt das Abstinenzgebot. Hier leben und arbeiten Männer und Frauen seit Jahren und Jahrzehnten. Sie haben eine Heimat gefunden. Die Suchttagesstätte „Altas“ in Berlin-Wedding war die erste ihrer Art und ist in der Berliner Szene durchaus berühmt. Hier werden auch Rückfälle akzeptiert und begleitet.

Auch bei Altas berichten Männer und Frauen in sehr kurzen, thematisch sortierten Sequenzen darüber, wie sie alkoholabhängig wurden, und wie sie nun versuchen, clean bzw. trocken zu bleiben. Den jungen Studierenden ist häufig gar nicht klar, wie extrem zerstörend Drogen und Alkohol wirken. Mir ging es genauso. Mich hat an diesem Dokumentarfilm enorm beeindruckt, dass die verheerenden Folgen der Sucht gezeigt werden, und die Protagonisten gleichzeitig ganz offensichtlich geschätzt, gewürdigt, vielleicht sogar geliebt werden. Denn auch die Sozialarbeiterinnen und Ergotherapeuten der beiden Projekte kommen zu Wort, erklären und kommentieren ohne zu dozieren.

Die Betroffenen sprechen sehr offen über ihre prekären Vorgeschichten. Sie berichten vom Entzugsdelir und epileptischen Anfällen, von Gewalt und Suizidversuchen; mehrere der Hauptdarsteller lagen bereits im Koma. Sie reflektieren, jeweils im Wechsel, über ihre Wünsche und Träume. Was hat ihnen geholfen? Die meisten sind äußerlich gezeichnet vom exzessiven Konsum; sie sind ungeheuer dankbar über für die Chance, die sie in den Einrichtungen erhalten. Und in der Tat staunt man über die Großzügigkeit des deutschen Sozialsystems.

Ich habe den Film im Rahmen der Berliner „Woche der Seelischen Gesundheit“ gesehen. Der Leiter eines Sozialpsychiatrischen Dienstes wollte in der anschließenden Diskussion tatsächlich wissen, wie man denn 20 Jahre und mehr die Übernahme der Eingliederungshilfekosten gegenüber dem Sozialamt begründen könne, dass seit mehr als 20 Jahren die Eingliederungskosten hierfür übernommen werden?. Und ob das BTHG hier nicht zukünftig Grenzen setze?

Ich finde, dieser Film sollte in den unterschiedlichsten bio-psycho-sozialen Disziplinen, wenn zum Thema Abhängigkeitserkrankungen aus- und fortgebildet wird, seinen Einsatz finden. Er zeigt die tragische Wucht der Sucht, und macht gleichzeitig Betroffenen und Profis Mut.

Ilse Eichenbrenner

Letzte Aktualisierung: 18.01.2019