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Psychiatrie Verlag

Fluten - Oder: Wie man wahnsinnig werden kann

Der Untertitel des Dokumentarfilms von Niels Bolbrinker verspricht zu klären: „Wie man wahnsinnig werden kann“. Ich bin mir nicht sicher, ob dies dem Film gelingt; er versucht es aber in höchst differenzierter Weise.

Der Regisseur, der Psychiatrie und ihrer Szene bisher nicht zugehörig, ist ein renommierter Dokumentarfilmer und Kameramann, älteren Semestern vielleicht noch am ehesten durch „Schade, dass Beton nicht brennt“ vertraut. Seine Mutter lebt seit einigen Jahren in einem psychiatrischen Heim, Bolbrinker hat sie gemeinsam mit seinem Bruder dort besucht, beobachtet, befragt und gefilmt. Mit einem kleinen Augenzwinkern folgt die Kamera auch den anderen Bewohnern, sitzt mit im Stuhlkreis bei der Hockergymnastik und wirft einen Blick in die Stationsküche.

Für einen filmischen Rückblick auf das Leben der Mutter fehlte das Material; also montierte Bolbrinker die aktuellen Aufnahmen klug zwischen große fließende Tücher, auf die er Fotografien aus dem Familienalbum kopiert hat. Vor diesen Tüchern sitzt die Mutter beim Gespräch, oder sie flattern an der Leine, überlebensgroß. Ergänzt werden sie durch zeitgeschichtliche Aufnahmen, die den politischen und psychiatriegeschichtlichen Hintergrund und damit die Lebensgeschichte seiner Mutter illustrieren.

Niels Bolbrinker erforscht die Psychiatrie-Geschichte seiner Mutter, und stößt dabei auf die Geschichte der Psychiatrie. Die dreifache Perspektive – als Sohn, Filmemacher und Rechercheur vermittelt ein ungewöhnliches Porträt. Auf der Schnittstelle zwischen subjektiver Betroffenheit und historischer Spurensuche ist ihm mit „Fluten“ ein faszinierender Film gelungen, der auch dramaturgisch ungewöhnliche Wege geht.

Auch die Krankheitsgeschichte der Frau K. ist ungewöhnlich: Nach einer vom Krieg geprägten Jugend heiratet sie einen jungen Psychiater, und lebt mit ihm und ihren beiden kleinen Söhnen auf dem Gelände der Psychiatrischen Klinik in Ochsenzoll. Nach seinem plötzlichen Herztod fällt sie in eine tiefe Depression, und wird in der Klinik mit den nach dem Krieg üblichen Verfahren – Elektroschock, Insulinkur – behandelt. Nach ihrer völligen Genesung heiratet sie erneut, und ist 30 Jahre lang berufstätig und ihren beiden Söhnen eine gute Mutter.

Nach dem Tod des Ehemannes, des Stiefvaters der beiden Jungen, erkrankt sie erneut, ist depressiv und zeitweise wahnhaft, so dass die Psychiater eine schizoaffektive Psychose diagnostizieren, die sie inzwischen zum Pflegefall gemacht hat. Bolbrinker ordnet das Schicksal seiner Mutter ein in einen größeren, kollektiven Zusammenhang. Mit seiner These, die Erkrankung seiner Mutter sei Folge einer kriegsbedingten Traumatisierung und – nach dem Tod des zweiten Ehemannes – einer Retraumatisierung folgt er einem aktuellen Trend, den viele von uns psychiatrisch Tätige noch argwöhnisch beobachten.

Diese Perspektive eines Angehörigen ist neu, und vielleicht nur jemandem möglich, dessen Kindheit zumindest kaum, und dessen Jugend überhaupt nicht von der psychischen Störung der Mutter überschattet wurde. Dies ermöglicht Bolbrinker einen forschend-liebevollen Blick, ohne all zu sehr mit dem eigenen Schicksal zu hadern. Glücklicherweise findet Bolbrinker keine eindeutigen Antworten; das ermöglicht dem Zuschauer, andere Fragen zu stellen und Schlüsse zu ziehen. „Fluten“ regt nicht nur Auszubildende dazu an, in den Fluss der eigenen Familiengeschichte zu steigen, Quellen zu suchen und Schleusen.

Zum Abschluss noch eine Empfehlung: Ich habe den Film bei seiner Erstausstrahlung in Arte gesehen, als Video und als DVD, und „zu guter Letzt“ in einem Berliner Kino. „Fluten“ läßt sich erst in entsprechend großer Projektion mit jener Geduld betrachten, die zu wahrer Gelassenheit führt; ein Beamer und eine Leinwand, notfalls eine weiße Wand, sind perfekt.

Ilse Eichenbrenner

Letzte Aktualisierung: 12.04.2017