Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
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Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Leave no Trace – Hinterlasse keine Spur

Es ist nicht erst der zweite Film von Debra Granik, aber der zweite Film, der (nach dem Meisterwerk „Winter’s bone“) , der international Beachtung findet . Granik orientiert sich am Realismus; ihre Filme wirken authentisch, dokumentarisch, und sind doch Fiktion. „Leave no Trace“ basiert auf einer wahren Begebenheit. Das 13-jährige Mädchen Tom lebt zusammen mit ihrem Vater in einem großen Park. Sie haben sich hier gut eingerichtet, sammeln und jagen, und üben regelmäßig Überlebenstechniken und das spurlose Verschwinden. Ab und zu gehen die beiden in die Stadt, kaufen ein und besuchen eine Beratungsstelle für Veteranen.

Mir ist nicht ganz klar geworden, ob der Vater dort seine finanzielle Unterstützung abholt. Auf jeden Fall erhält er Medikamente, die er auf dem Schwarzmarkt vertickt. Denn Toms Dad ist ein Veteran, und er hat eine posttraumatische Belastungsstörung. Der Film wirft kurze Blicke in ein Milieu am Rande der US-Gesellschaft: Männer, die im Krieg waren, die bei jedem Geräusch erschrecken, die in Zelten hausen, Drogen nehmen und sich nur gegenseitig verstehen. Tom und ihr Vater gehen beladen mit Lebensmitteln zurück in den riesigen Park, wo sie entdeckt werden. Nach der Festnahme bringt man sie in eine soziale Einrichtung.

Sie werden erstaunlich behutsam befragt, eingeschätzt und von einer Sozialarbeiterin zu einem Farmer gebracht, der Weihnachtsbäume anbaut, und ihnen einen Bungalow überlässt. Tom lebt sich ein, findet erste Kontakte und fühlt sich allmählich wohl, doch mitten in der Nacht reißt sie der Vater hoch, weil er wieder weg will. Sie wechseln mit dem Bus den Bundesstaat, irren durch die Wälder und finden in eisiger Kälte eine Hütte, die sie aufbrechen. Der Vater will Lebensmittel besorgen und verletzt sich auf dem Rückweg das Bein. Tom holt Hilfe in einer kleinen Siedlung, wo alte Hippies und andere Aussteiger in einem Wohnwagencamp hausen. Ihr Vater wird von ihnen abtransportiert und medizinisch versorgt; der Sommer kommt, und mit ihm die abendlichen Gesänge am Lagerfeuer.

Diese Menschen sind tolerant und freundlich, und Tom hat endlich eine Heimat gefunden. Als ihr Vater wieder losziehen will, kann sie das erste Mal sagen, dass sie nicht mit ihm gehen wird. Verzweifelt akzeptiert er ihren Entschluss. Er packt seinen Rucksack, und verschwindet im Wald. An einem der Bäume hängen die Frauen der kleinen Gemeinschaft immer wieder einen Sack mit Lebensmitteln auf. Sie versorgen einen Veteranen, den man seit Jahren nicht mehr gesehen hat.

Außergewöhnlich gut gelingt Granik die Beobachtung der kleinen Leute, der Alten und Kinder, der Außenseiter und Eigensinnigen. Sie sind vielleicht alle Opfer, aber sie kümmern sich umeinander, beruflich und privat. Sozialarbeiterinnen sind vielleicht erfolglos aber bemüht, und die Kinder, die im Kaninchenzüchterverein das Präsentieren ihrer Karnickel üben, nehmen das fremde Mädchen freundlich in ihrer Runde auf. So wird hier der „White Trash“ endlich einmal zum Sympathieträger eines ganzen, inzwischen ausgezeichneten Kinofilms.

Ilse Eichenbrenner

Letzte Aktualisierung: 18.01.2019