Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
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Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Immer wieder Achterbahn - Leben zwischen Manie und Depression

Wer möchte nicht gut gelaunt durchs Leben gehen? Albern sein, kichern, Blödsinn machen, alles ausprobieren oder sich einfach mal daneben benehmen...das gehört doch einfach dazu, das ist doch normal!

Für manche Menschen nicht. Für sie ist das Gefühl, die ganze Welt umarmen zu wollen, ein Alarmzeichen. Sie müssen lernen, gerade dann, wenn es am schönsten ist, auszusteigen, runterzukommen, eine Pille zu nehmen oder in die Klinik zu gehen.

Wenn sie es nicht schaffen, dann geht die Post ab, sie werden immer überdrehter und driften ab in eine eigene Welt, in der sich alles nur noch um sie dreht. Sie schlagen über die Stränge, beleidigen andere und lachen sie aus, und wenn eine Tür im Weg steht oder ein Polizist, dann wird notfalls auch getreten. Nach dem Absturz kommt das Erwachen mit unerträglicher Scham und Schuld und Depressionen, und schlimmstenfalls dem Impuls, nie mehr aufzuwachen, Schluß zu machen.

Was sind das für Menschen? Wie leben sie auf der Achterbahn? Die Dokumentarfilmer Thomas Güll und Birgitta Schülke haben ein ganzes Jahr lang drei Menschen mit einer bipolaren Störung begleitet und beobachtet.

Sandra, Lena und Jakob leben zwischen den beiden Polen Manie und Depression, zwischen „Himmel hoch jauchzend“ und „zu Tode betrübt“. Der Zuschauer lernt drei höchst sympathische Menschen kennen, in einem geordneten Leben mit Freunden und Angehörigen – man beneidet sie ein wenig. Allenfalls Jakobs Leben zeigt ein paar Brüche: Zu Beginn des Film läßt er sich wegen einer depressiven Phase in der Klinik aufnehmen; er hätte studieren können, berichtet er, oder eine eigene Firma aufbauen, wenn die Krankheit nicht immer wieder alles zerstört hätte. So ist er beruflich viel durch die Welt gereist, hat sich in manischen Phasen im Zentrum verschwörerischer Aktivitäten gewähnt und für reichlich Wirbel gesorgt. Er hat Selbstmordversuche hinter sich und sucht vor allem deshalb den Schutz der Klinik.

Wir erleben ihn im freundlichen Gespräch mit den Mitpatienten, oder mit dem Psychologen, der gemeinsam mit ihm Warnzeichen und Regeln für die nächste manische Phase herauszufinden sucht. Am Ende des Films ist Jakob nach einer Medikamentenumstellung 15 kg schwerer und beantragt die Rente; er holt seine ebenfalls bipolar erkrankte Mutter am Bahnhof ab und erklärt ihr, dass er jetzt in der Psychoedukation lerne, rechtzeitig Stopp zu sagen.

Lena lebt mit ihrem Mann, den beiden Kindern aus erster Ehe und ihrem Baby im eigenen Haus auf dem Land; die attraktive Künstlerin betreibt das Internet-Portal www.bipol-art.de. Sie berichtet, dass sie in der Manie sogar Türen eingetreten habe und ihr Mann meint, wenn es losgehe, - das sei einfach die Hölle. Spätere Begegnungen zeigen Lena am Rande der Depression; Mann und Kinder fangen sie verständnisvoll auf. Sie fährt zu ihrem Verhaltenstherapeuten, mit dem sie eine Art Vorsorgevertrag erarbeiten will, damit ihr Mann sie – auch gegen ihren Willen – an Geldausgaben hindern oder in die Klinik bringen kann. Es gibt Verwandte und Dorfbewohner, die den Kontakt zeitweise abgebrochen habe; Lena spricht von Stigmatisierung. Gleichzeitig profitiert nicht nur ihr Mann von Lenas Potential, ihrer ungeheuren Kreativität, ihrem Lebenswillen.

Die jüngste vorgestellte Patientin ist Sandra; sie weiß erst seit 10 Monaten von ihrer Diagnose, leidet aber schon seit 10 Jahren unter den Stimmungsumschwüngen, für die sie bisher keinen Namen hatte. Sie musste ihren Beruf aufgegeben und macht noch einmal einen neuen Anlauf mit einem Studium der Sozialarbeit. Sie beteiligt sich an einem Forschungsprojekt der Charité mit regelmäßigen therapeutischen Gesprächen und einem Internet-Tagebuch, in das sie ihre Aktivitäten und ihre Stimmung eintragen muss.

Am deutlichsten gelingt es Sandra, dem Zuschauer die ungeheure Ambivalenz der Bipolarität zu vermitteln: So häufig sei sie in einer Stimmung, in der sie am liebsten die muffigen Gesichter in der U-Bahn zwingen wolle, doch endlich zu lachen. Sie könne dann kaum an sich halten, wolle leben und lieben und am liebsten mit jedem Mann ins Bett gehen. Der Film zeigt keinen der Protagonisten in einer akuten Manie; Sandra scheint jedoch auf dem besten Wege, als sie von der Kamera bei ihrem nächtlichen Streifzug durch die Clubs angetroffen wird. Ist sie nur ein wenig schriller und schärfer als sonst?

Das sei doch auch sie, das gehöre doch auch zu ihr, erklärt sie immer wieder und es wird deutlich, dass sie noch damit ringt, ein maßvolles, vielleicht sogar langweiliges Leben führen zu müssen. Ihr Freund hält zu ihr, vertraut ihr, ist aber nicht bereit, jedes Verhalten mit der Erkrankung zu entschuldigen. Und die Vorstellung, nachhause zurückzukehren und sie suizidiert vorzufinden, versetzt ihn in Angst und Schrecken. Dreißig mal höher, betont die maßvoll eingesetzte Stimme des Sprechers aus dem Off, ist die Suizidrate bei Menschen mit dieser Störung.

„Immer wieder Achterbahn“ widmet sich einer spektakulären Thematik ohne spektakulär zu sein; die Filmemacher haben dieser Versuchung widerstanden, und schützen Jakob, Lena und Sandra, in dem sie alle drei fast nur „in der Balance“ zeigen. Sie konzentrieren sich auf das Drumherum und vor allem den Kraftakt, diese Störung zu zähmen. Die drei Betroffenen reflektieren sehr differenziert; sie argumentieren und lassen sich von der Kamera sogar bei der Psychotherapie beobachten.

Das gibt vor allem Auszubildenden Gelegenheit, in kurzen Sequenzen die Grundzüge respektvoller und subjektorientierter Gesprächsführung kennen zu lernen; alle Behandler sind behutsam und doch eindeutig, offen und doch zielorientiert. Die Bedeutung von Phasenprophylaktika wird von allen Beteiligten betont.

Der Film, der bereits in Arte und ZDF ausgestrahlt wurde, ist mit seinem ruhigen Wellengang ein Genuss. Trotz seines thematischen Tiefgangs bleibt er leicht, fast heiter. Schnitt und Collage beweisen, dass die beiden Filmemacher ihr Thema wirklich durchdrungen haben. Szenen und Gesichter wechseln überaus behutsam und folgerichtig, gehen ineinander über; trotzdem bleiben drei sehr individuelle Porträts im Gedächtnis haften.

Jenen Profis, die mit sehr schwer gestörten Klienten arbeiten, mag vieles zu harmlos, vielleicht sogar all zu harmlos erscheinen. Aber es gibt auch sie, - die neuen Experten der eigenen Erkrankung, die Zielgruppe für Recovery, und man kann von ihnen für andere profitieren.

Wer privat mit dem Phänomen der affektiven Störungen konfrontiert ist, wird vieles kennen, heftiger vielleicht oder katastrophaler. Er wird trotzdem neue Argumente finden für eine optimistische Perspektive und mehr Gelassenheit. Betroffene werden motiviert, aktiv zu werden, und sich nicht selbst und ihr Umfeld fatalistisch dieser Achterbahn auszuliefern.

Ganz besonders geeignet erscheint mir dieser gut komponierte Dokumentarfilm für Schule, Ausbildung und Studium. Er überlässt denen das Wort, um die es geht. Er läßt sich die Zeit, die professionelles Zuhören braucht. Er übt den sensiblen Umgang und verzichtet auf altkluge Ratschläge. Er bleibt ambivalent und verkneift sich das Lob der öden Tiefebene.

Ilse Eichenbrenner

Letzte Aktualisierung: 12.04.2017