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Psychiatrie Verlag

Nebel im August

Ein großer, bewegender Film kommt am 29. September in unsere Kinos. Kai Wessel wurde für seine Regiearbeit mit dem bayerischen Filmpreis ausgezeichnet. Zu Recht. Ihm ist eine erstaunliche Gratwanderung gelungen: Erstmals thematisiert ein Spielfilm in voller Länge die Abläufe der NS-Euthanasie. Das historisch belegte Schicksal eines widerständigen Jungen schlägt den Zuschauer in seinen Bann, ohne ihn zu erdrücken.

Der 13jährige Ernst Lossa kommt in eine große Heil-und Pflegeanstalt. In den riesigen Schlafsälen leben Jungen und Mädchen und Erwachsene, viele mit einer sichtbaren körperlichen oder geistigen Behinderung. Ernst wird vom leitenden Arzt untersucht und ein Krankenpfleger zeigt ihm sein Bett. Ernst ist sich ganz sicher, dass ihn sein Vater schon bald abholen wird, um mit ihm nach Amerika zu den Indianern zu fahren. Stattdessen werden ihm die Haare abrasiert, und er sieht aus wie die anderen Anstaltsinsassen. Doch er ist schlau und kontaktfreudig.

Schon bald geht er dem freundlichen Hausmeister zur Hand, der auch als Sektionsgehilfe eingesetzt wird. Er findet Freunde unter den Kindern und Jugendlichen, aber auch bei den Pflegekräften. Eines Tages taucht sein Vater doch noch auf, und will ihn mitnehmen. Doch er ist ein „Jenischer“ und lebt als fahrender Händler, hat keine Meldeadresse, also kann der freundliche Chefarzt Dr. Veithausen ihm seinen Sohn nicht mitgeben, auch wenn er es noch so gerne täte. Die zwei Gesichter des Dr. Veithausen werden von Sebastian Koch beinahe diabolisch dargestellt: Er spielt und herzt mit den Behinderten, gleichzeitig entwickelt und präsentiert er stolz einer Delegation von Ärzten die von ihm entwickelte E-Kost, eine völlig kalorienfreie Gemüsesuppe, an der die Esser langsam und jämmerlich zugrunde gehen.

„Nebel im August“ beruht auf dem 2008 erschienen gleichnamigen Roman des Journalisten Robert Domes. Michael von Cranach hatte als Chefarzt des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren Patienten-Akten gesichtet und Einzelschicksale recherchiert; besonders beeindruckte ihn die Lebensgeschichte von Ernst Lossa, der 1944 in Irsee, der Nebenanstalt von Kaufbeuren ermordet wurde. Seine Recherchen zur Geschichte der Euthanasie in liegen dem Roman zugrunde. Der Spielfilm richtet den Fokus auf die letzte Phase des Lebens von Ernst Lossa. Die gezeigte Heil-und Pflegeanstalt als Ort des Lebens und des Sterbens bleibt namenlos.

So ist ein Spielfilm entstanden, der dieses letztlich unfassbare Kapitel deutscher Geschichte mit großer Emphase vermittelt. Historisch verbürgte Fakten wurden vom Autor des Drehbuches Holger Karsten Schmidt kombiniert mit fiktiven Porträts und Episoden. Denn der Zuschauer will und soll sich identifizieren mit den einzelnen Protagonisten, ganz besonders mit Ernst Lossa, mit seinem Optimismus und seiner Lebendigkeit.

Nicht wirklich zu erfassen, nur zu erahnen ist der Aufwand, den der Produzent Ulrich Limmer betreiben musste, um dieses ungeheure Projekt zu finanzieren und umzusetzen. Im Abspann sind die vielen Namen all der Menschen mit und ohne Behinderung zu lesen, die an dem Film mitgewirkt haben. Unter ihnen ist der prominenteste und prägnanteste ohne Zweifel David Bennent; aber auch die vielen anderen Mitwirkenden sind Statisten der besonderen Art. Zu Recht wird ihren Eltern und Betreuerinnen ausdrücklich gedankt. Die Sorge, hier würde ungewöhnliches Verhalten und Aussehen als monströs vorgeführt bleibt unbegründet. Allen Beteiligten ist hier ein erstaunlicher, vermutlich einmaliger Balanceakt gelungen.

Ilse Eichenbrenner

Letzte Aktualisierung: 10.04.2017