Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
Dachverband Gemeindepsychiatrie
Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Wo bist du?

Die Filme von Andrea Rothenburg haben eine ganz eigene Handschrift. Das mag daran liegen, dass sie nur die ihr selbst wichtigen Anliegen von vorne bis hinten eigenhändig bearbeitet: Von der Wahl der Protagonisten über das Drehbuch bis zu Kameraführung und Schnitt. Sie vermarktet ihre Filme selbst, sie organisiert Veranstaltungen und Tagungen und steht Rede und Antwort.

Schon ihr Vorgehen ist einzigartig: Als Tochter eines Psychiaters hat sie keinerlei Berührungsängste; als Non-Profi lässt sie sich von ihren Emotionen leiten, und scheut sich nicht, auch den Zuschauer zu infizieren oder gar zu überwältigen. Sie will etwas erreichen, und dazu gründet sie keine Fachgesellschaft und initiiert keine Studie sondern dreht Filme – Dokumentarfilme die ans Herz und ins Auge gehen. Und sie steht dazu.

Nach „Plan B“ nun also „Wo bist Du?“ Lange Zeit habe ich mir eingebildet, der Film heiße „Mama, wo bist Du“. Denn genau darum geht es. Der Film handelt von der Abwesenheit der Mütter, die in ihre Depression verschwinden, seltener in eine Manie oder abwechselnd in beides, oder in der Klinik. Mama ist weg. Ich bin allein. Was habe ich falsch gemacht? War ich böse? Wo bist du? „Wo bist Du gewesen?“ fragen die jungen Frauen, die zunächst ganz alleine zu Wort kommen. Alina, Gina, Ilke, Melanie und immer wieder Liv und Anna- Lina sind keine Mädchen mehr aber auch noch keine „gestandenen“ Frauen.

Gina hat mit ihrer Mutter und deren Krankheit ihren Frieden geschlossen, obwohl sie nicht bei ihr aufwachsen durfte. Vor der Kamera bedankt sie sich bei der Mutter, denn sie hat alles getan, was sie konnte und beide schauen sich lange in die Augen. So einfach ist es nicht immer. Vor allem Anna-Lina ist gefangen in Grübelspiralen voller Tränen und Vorwürfen. Denn die geliebte Adoptivmutter ist tot, der ebenfalls psychisch erkrankte Adoptivvater Peter sitzt kaum weniger verletzt und zurückgelassen an ihrer Seite.

Es sind immer wieder dieselben Fragen: Warum hat mir niemand gesagt, was mit meiner Mutter los ist? Was ist das für eine Krankheit? Kommt Mama jemals wieder, wenn sie in ein Krankenhaus eingewiesen wird? Weshalb spricht keiner mit mir, weshalb ist Vater so sonderbar?

Die Kamera konzentriert sich ganz auf die Gesichter und schweift nur ab und zu über die Wiesen und Felder, die Terrasse oder das Wohnzimmer. Wie in all ihren Filmen wandert die Regisseurin zwischen ihren Hauptpersonen hin und her, und ich weiß inzwischen, dass ich mich diesem Flow einfach hingeben kann. Sie verzichtet auf klar abgegrenzte Kapitel und verwebt Menschen und Themen mit großer Ästhetik zu einer einzigen Forderung: Lasst die Kinder nicht mehr alleine! Zwischendurch sprechen Profis – eine Therapeutin, eine Sozialpädagogin, die Ärztliche Leiterin einer Mutter-Kind-Tagesklinik und sogar Andreas Heinz, der allseits verehrte Chefarzt der Psychiatrischen Klinik der Berliner Charité kommt zu Wort.

Es sind sympathische und sehr konkrete Statements ohne Allüren: Die Kinder müssen mit ihrer Not erkannt und begleitet werden. Auf jedem Dokumentationsbogen einer Klinik muss an herausragender Stelle darauf hingewiesen werden, dass die Patientin ein Kind hat. Vielleicht braucht es eine spezielle Kinderbeauftragte. Jeder muss immer im Kopf haben: Wie ist das Kind versorgt? Wer kümmert sich? Die Begleitung ist das wichtigste. Kinder fragen, und sie hören auch wieder auf, wenn sie genug wissen.

Die jungen Frauen sind zunächst alleine zu sehen, später zeigt uns die Kamera auch die Mütter, den Vater an ihrer Seite. Oder die jungen Frauen bleiben allein. Die Mutter von Liv hat sich suizidiert, ihr Stiefvater sitzt ratlos zwischen den wunderbaren Marionetten in seiner Werkstatt. Die Mutter von Melanie wurde tot aufgefunden; vom Stiefvater wurde sie missbraucht, nun leidet sie selbst an einer schweren Persönlichkeitsstörung.

Gegen Ende des Films wird die Forderung an uns Profis immer deutlicher, dass es so nicht weitergehen kann. Ganz kurz fühle ich mich überfordert: Das kann ich nicht, das habe ich nicht gelernt, das kann ich auch den Studierenden nicht beibringen! Dann fallen mir die Statements der Profis ein – so schwierig ist es nicht. Erklären, Fragen beantworten, dabei sein - das können wir doch alle.

Gesehen habe ich den Film in der „Woche der seelischen Gesundheit“ in einem Berliner Kino, in Anwesenheit von Anna-Lina und Peter. Es könnte voller sein. Andrea Rothenburg ist enttäuscht, denn sie hat alle KiTas und Schulen eingeladen. „Nun sehen Sie, was hier los ist!“ Dr. Korte vom Sozialpsychiatrischen Dienst Tempelhof- Schöneberg zeigt sich beeindruckt und bestätigt die Aussagen des Films.

Die Kinder kommen zu kurz, und es gibt eine große Lücke „im System“. Erst wenn auch die Kinder unter Störungen leiden gibt es manchmal Hilfe über das Jugendamt. Das Patenschaftsprojekt von AMSOC ist eines der raren Modelle, in dem Kinder rechtzeitig aufgefangen werden können. Man ist sich einig – davon braucht es viel viel mehr.

Die DVD „Wo bist du“ ist seit dem 10.November 2016 erhältlich und eignet sich hervorragend für Veranstaltungen zum Thema. Schon während des Films und auch danach wird vielleicht ein Taschentuch gesucht – das kann man schon mal im Auge haben.

Mehr Informationen gibt es unter www.psychiatrie-filme.de oder bei Andrea Rothenburg und Heike Korthals, Telefon 030-62735429 oder Email: kampagne(at)psychiatrie-filme.de.

Ilse Eichenbrenner

Letzte Aktualisierung: 12.04.2017