Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
Dachverband Gemeindepsychiatrie
Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Wohin bringt ihr uns?

Alexandra Pohlmeier, die sich in der Sozialen Psychiatrie durch ihren wunderbaren Film „Himmel und mehr“ über Dorothea Buck einen Namen gemacht hat, legte im Herbst 2010 eine neue Arbeit vor. Er handelt vom Gedenken einer ganzen Region fertiggestellt. Der Bottroper Arbeitskreis „Opfer der Euthanasie“ hat eine Reihe von Veranstaltungen durchgeführt und „Stolpersteine“ gesetzt.

Dies dokumentiert der Film. Die Namen der Opfer werden in feierlichem Rahmen vorgelesen. Sie sind 7 Jahre alt, 12 Jahre alt, 5 Jahre alt, aber auch 40 Jahre alt als sie u.a. in Hadamar oder Niedermarsberg getötet werden.

Für jedes der Opfer gibt es ein kleines Gesteck: Den Namen auf einem Stück Birkenrinde, Blumen, Zweige, ein Licht. Nach jedem Namen ertönt eine Glocke. Diese Sequenzen des Gedenkens sind montiert zwischen die Berichte der Angehörigen. Sie sprechen von ihrer Großmutter, von ihrer Mutter, ihrer Schwester und ihrer Großtante. Sie sprechen vor allem über das Schweigen, über die Scham und den Makel der psychischen Erkrankung und des Verschwindens. 70 Jahre nach dem Euthanasie-Befehl Hitlers wurde in Bottrop erinnert und geweint, recherchiert und gehämmert.

In einer kleinen Gedenkfeier wird der Stolperstein vor jenem Haus eingelassen, in dem einst die Großtante gelebt hatte. Nun wohnt hier eine Familie mit einem behinderten Kind, das in seinem Rollstuhl zwischen den Zuschauern zu sehen ist.

Wer mehr über die Schicksale erfahren möchte der findet auf der DVD einen zweiten Teil mit ausführlichen Interviews mit den Angehörigen der Opfer. Man ist als Zuschauer entsetzt über den „Gnadentod“, aber auch die schweren Verläufe der psychischen Erkrankungen, die Anstaltsaufenthalte, und die familiären Tragödien. Diese Berichte erschüttern durch ihre Alltagssprache; es sind heimtückische Spuren, die sich in die Familien gefräst haben, und die wieder sichtbar gemacht werden. Diese Zeugnisse sind „oral history“, erzählte Geschichte von unten.

„Wohin bringt ihr uns“ dokumentiert das Gedenken in Bottrop, und gibt gleichzeitig Anregungen für eine angemessene Kultur des Erinnerns und der Würdigung, ganz ohne peinliches Pathos. So eignet sich der Film für die Arbeit mit Schülern und die vielen Kommunen und Initiativen, in denen die Trauer noch zu leisten ist.

Ilse Eichenbrenner

Letzte Aktualisierung: 12.04.2017