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Psychiatrie Verlag

Familienleben

Das Wendland – für viele Hamburger und Berliner ein alternativer Rückzugsort seit Gorleben. Die Wendländische Filmkooperative dreht keine Heimatfilme, sondern zeitkritische Dokumente. Man ahnt es schon: „Familienleben“ , gezeigt auf der 68.Berlinale in der Sktion Panorama, wirft keinen Blick in eine idyllische Kleinfamilie. Biggie ist die Mama, Saskia und Denise leben noch bei ihr, die anderen Kinder sind aus dem Haus. Sechs Hunde begleiten sie bei jedem Schritt, im Stall stehen zwei Pferde. Der emotional-instabile Alfred war mal der Lebensgefährte, jetzt hat man sich getrennt, wohnt aber notgedrungen weiterhin zusammen.

Gedreht wird ausschließlich in dem etwas heruntergekommenen Hofgebäude in Sachsen-Anhalt, in der Wohnküche, in der vollgerümpelten Tenne. Das ganze Patchwork lebt von Hartz IV, und es sieht nicht so aus, als könnte sich das je ändern. Selten habe ich das Leben auf dem Land so trist, so aussichtslos beschrieben gesehen. Die ruppige Biggie kümmert sich in beeindruckender Weise um ihre Töchter. Sie redet ihnen gut zu, kommentiert die Affäre mit dem drogenabhängigen Kevin, die beide nacheinander haben. Beide Töchter haben Angstzustände, die eine ritzt sich, die andere ist schwanger, und der nächste Heimaufenthalt droht. Was soll man tun, weit ab von der Stadt?

Vielleicht fehlt das Geld für den Bus, vielleicht einfach der Antrieb – man weiß es nicht genau. Alfred sitzt mit Kopfhörern am Rechner und singt zu den alten Rocksongs; Kevin und Saskia legen das Smartphone nur aus der Hand, um sich die Haare zu färben oder mit den Tieren eine Runde zu drehen. Am Schluss tanzen Saskia und Denise, und diesen kurzen Moment lang scheint es, als könne alles besser werden. Sie werden umziehen, und den cholerischen Alfred hinter sich lassen.

Dies war einer von mehreren Filmen bei der diesjährigen Berlinale, bei denen man hin-und hergerissen war: Man ist neugierig auf ein selten gezeigtes aber sicher weit verbreitetes Ambiente, um es mal vorsichtig auszudrücken. Gleichzeitig entsteht der üble Verdacht, die ländliche Familie werde vorgeführt, und als Zuschauer ist man in der Rolle des Voyeurs. Wussten Biggie, Saskia,Denise und Alfred wirklich, was sie da tun?

Ilse Eichenbrenner

Letzte Aktualisierung: 05.03.2018