Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
Dachverband Gemeindepsychiatrie
Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

4 Könige

Der Spielfilm „4 Könige“ läuft seit dem 3.12.2015 im Kino. Die Handlung ist rasch erzählt, doch ihre Wirkung nachhaltig.

Vier Jugendliche verbringen die Weihnachtstage in der Kinder- und Jugendpsychiatrie – die allzu hübsche Lara und die scheue Alex, der gefährlich unter Spannung stehende Tim und schließlich Fedja aus Georgien, mit Hämatomen auf dem Rücken, in der Schule gemobbt und starr vor Angst. Diagnosen werden nicht genannt, Vorgeschichten nur angedeutet, einmal wird von traumatisierten Jugendlichen gesprochen. Dr. Wolff (Clemens Schick), ein junger Psychiater, verbringt die Feiertage ebenfalls auf der Station, kümmert sich vor allem um die vier und führt Gruppengespräche. Auch eine Beschäftigungstherapeutin und ein kleines Team von Stationshilfen und Pflegekräften hält die Stellung; zwischen Team und Arzt gibt es Spannungen, die im weiteren Verlauf der Geschichte eskalieren.

Dr. Wolff, liebevoll „Wolfi“ genannt lässt bei einem Spaziergang an einen romantischen See Zettel ziehen, gerade wie beim “Wichteln“ – eine kleine Gruppenaufgabe. Es sollen keine materiellen Geschenke übergeben werden, sondern individuelle Assoziationen zum Thema Weihnachten, entweder persönlich oder als Video. Die zaghaften Gespräche, Interviews und Clips bilden einen kleinen roten Faden, in der ansonsten zunächst sehr ruhigen Handlung. Eltern kommen zu Besuch und sind schnell wieder weg, es wird gebastelt und Tischtennis gespielt. Tim ist von der geschlossenen Station hierher verlegt worden, und wird am Ende des Films zurück verlegt. Doch davor gibt es einen Festersprung, eingeschlagene Scheiben, ein gebrochenes Nasenbein und Timos Fixierung.

Regisseurin Theresa von Eltz ist für „Vier Könige“ in den letzten Monaten mehrfach ausgezeichnet worden – zu recht. Schon lange durfte man sich im Kino nicht mehr so intensiv auf ein Thema und eine kleine Gruppe von Menschen konzentrieren. Die darstellerischen Leistungen sind durchweg überzeugend, das Drehbuch möglicherweise realistisch.

In vielen Interviews, auch nach der Vorführung des Films beim DGPPN-Kongress hat Theresa von Eltz über ihre langjährigen Recherchen berichtet. Ein mit der Autorin des Drehbuchs befreundeter Jugendpsychiater habe von dem Phänomen berichtet, dass viele besonders schwierige Jugendlich über Weihnachten in der Kinder-und Jugendpsychiatrie regelrecht abgegeben würden, damit das Fest konfliktfrei verlaufen kann. Dies sei die Ausgangsidee für den Film gewesen.

In einem ausführlichen Interview im „Filmdienst“ meint sie: „Ich wollte nie einen Film über kranke Jugendliche in der Psychiatrie machen, sondern einen etwas anderen Weihnachtsfilm, der etwas über Jugendliche erzählt, die ihr Selbstvertrauen, ihr Selbstwertgefühl verloren haben, und es zurückbekommen.“

Im Gegensatz zu den vielen ausgesprochen positiven Rückmeldungen in den Medien waren die Reaktionen beim DGPPN-Kongress bemerkenswert kritisch. Die Vertreterinnen der Pflege monierten sehr deutlich, dass ihre Berufsgruppe negativ dargestellt, ja diskriminiert werde. Weil der junge Arzt quasi freundschaftlich alle Eskapaden der „Vier Könige“ toleriert, und tatsächlich so einiges gewaltig aus dem Ruder läuft, verpetzt ihn die Stationsschwester beim Chefarzt.

So gewinnt Dr. Wolff die Sympathie der Jugendlichen und des Zuschauers auf Kosten des Pflegepersonals. Viele pädagogisch arbeitende Teams, nicht nur in der Psychiatrie, kennen dieses Problem der Spaltung. Doch das Drehbuch vermeidet eine billige Polarisierung und ein simples Happy End erst recht.

Vermutlich ist deutlich geworden: Dies ist kein Weihnachtsfilm für die ganze Familie. Heranwachsende mit und ohne Eltern und psychiatrisch Tätige wird er nicht in Stimmung aber ins Gespräch bringen.

Ilse Eichenbrenner

Letzte Aktualisierung: 11.04.2017