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Psychiatrie Verlag

Camille Claudel

„Einen vorläufigen Tiefpunkt hat der Wettbewerb der Berlinale mit dem Film „Camille Claudel 1915“ von Bruno Dumont erreicht; dabei handelt es sich um eine nervenzerfetzend öde und zugleich unsympathisch wichtigtuerische Mischung aus bräsigstem Achzigerjahre-Schulfernsehen und einem maßgeschneiderten Divenvehikel für Juliette Binoche“ (Jens Balzer in der Berliner Zeitung vom 13.2.2013)

Es gab eigentlich nur zwei Möglichkeiten. Entweder hatte man sich anhand der Biografie von Camille Claudel präpariert und war sich seines Interesses am Sujet bereits sicher, oder man war verärgert und verließ das Kino nach einem Anstandsblick auf Juliette Binoche – wofür sich sehr viele Journalisten bei der Pressevorführung entschieden. Denn erzählt wird nahezu nichts, und was gezeigt wird, vergnügt nur wenige.

Der Film konzentriert sich auf drei Tage im Leben der psychisch kranken Bildhauerin Camille Claudel. 1915 ist sie von ihrer Familie in der psychiatrischen Anstalt Montdevergues zwangsweise untergebracht worden. Sie wird hier 30 Jahre bis zu ihrem Tod verbringen. Sie fühlt sich verfolgt und hat Angst vergiftet zu werden. Deshalb hat sie die Erlaubnis, sich jeden Abend eigenhändig zwei Kartoffeln kochen zu dürfen, die sie dann im Gemeinschaftsraum verspeist. Sie ist verzweifelt, klagt und weint, so dass Juliette Binoche ihr tragisches Potential als Mimin präsentieren kann.

Die ausschließlich von Nonnen betreuten Mitpatientinnen sind keine Schauspielerinnen, sondern echte Frauen mit geistiger Behinderung, die mit dem Löffel auf den Tisch schlagen, und den Zuschauern und Camille Claudel (und vermutlich auch Juliette Binoche) auf die Nerven gehen. Gerade dieser Aspekt hat mich interessiert, und war Grundlage sehr unterschiedlicher Kommentare, bis hin zu dem Vorwurf, die Patientinnen seien quasi missbraucht worden. Juliette alias Camille reagiert auf die Frauen sehr wechselhaft: Manchmal fast zärtlich fürsorglich, dann wieder angewidert und überheblich. Durch ihre Briefe ist belegt, dass sie die anderen Patientinnen schrecklich und abstossend fand, und unter ihnen sehr gelitten hat. In der Verfilmung erscheint mir der Umgang mit den Patienten mir geschönt, historisch vermutlich nicht authentisch. Die Nonnen sind gleichmütig freundlich, die Zimmer sauber, von Schikanen oder gar Gewalt kann keine Rede sein.

Es gibt eine Art Beschäftigungstherapie und sogar Theater wird gespielt. Camille Claudel geht ein paarmal in die Kapelle der Anstalt und beteiligt sich an einem Ausflug auf eine Anhöhe. Sie erhält die Nachricht, dass ihr Bruder – der Schriftsteller Paul Claudel – zu Besuch kommen wird. Sie freut sich sichtlich und wird ungeduldig. Die Kamera greift Paul Claudel bereits auf seiner Anfahrt auf. Er wird gezeigt als unsympathischer religiöser Eiferer; er scheint sich in einer ganz anderen Art von Delirium zu befinden. Er besucht den Priester der Anstalt und schwärmt von seiner religiösen Erweckung. Die Begegnung mit seiner Schwester bleibt enttäuschend, vielleicht für beide Seiten. Die Familie verweigert ihre Rückkehr und Camille Claudel stirbt dreißig Jahre später an Ort und Stelle.

Dem Presseheft und der Pressekonferenz ist zu entnehmen, dass die realen, schwer gestörten Patientinnen von ihren realen Pflegerinnen während der Dreharbeiten betreut wurden. Man hat sie schlichtweg in Nonnenkleider gesteckt. Nun wird mir vieles klar. Hier konnte nicht schikaniert und weggesperrt werden, grober Umgang, Unfreundlichkeit oder gar Gewalt konnten ja nicht inszeniert oder gar real umgesetzt werden. Bruno Dumont meint in einem Interview, er habe das gesamte Ensemble frei agieren lassen. Die Spannung habe ihn interessiert, die zwischen den Protagonistinnen, die ja nichts anderes als sich selbst darstellen können, und der Schauspielerin Juliette Binoche entstehen würde.

Ist das Experiment geglückt? Prüfen Sie selbst – der Film wird in die Kinos kommen, der konkrete Zeitpunkt steht noch nicht fest. Dass sich die Geister gerade an diesem Film so sehr scheiden ist meiner Ansicht nach zwei Aspekten geschuldet: Dem ethischen Unbehagen, das man angesichts der Vermischung von echter Behinderung und gespieltem Wahnsinn empfindet, und dem mangelnden Unterhaltungswert. In einem Interview mit der TAZ am 15.2.2013 meint Dumont, er sei vor allem an menschlichen Erfahrungen interessiert. „Auf die Gefühle der Zuschauer kann ich dabei keine Rücksicht nehmen“.

Ilse Eichenbrenner

Letzte Aktualisierung: 12.04.2017