Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
Dachverband Gemeindepsychiatrie
Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Das Blaue vom Himmel

Eine vornehme Dame plaudert mit dem Taxifahrer, und lässt sich zu ihrer Wohnung in Darmstadt bringen. Sie hat kein Geld, also folgt ihr der misstrauische Taxifahrer in die reichlich verwahrloste Küche.

Sie schüttet den Kaffee in die Pfanne und brüllt herum, dann zieht sie sich in ihre Gemächer im ersten Stock zurück. Sie bewirft das Taxi von oben mit ihrem besten Geschirr, bis der Fahrer endlich abfährt und die Polizei alarmiert.

Die Lady, das muss ich an dieser Stelle bereits verraten, wird von Hannelore Elsner furios in Szene gesetzt, und soll an einer besonders eigenwilligen Form von Demenz leiden. Wir begegnen ihr wieder in der Fixierung einer psychiatrischen Akutstation. Ihre Tochter Sofia (Juliane Köhler) wird in Berlin ausfindig gemacht und aufgefordert, umgehend zu erscheinen. Wir befinden uns im Jahr 1991, umgeben von den Erschütterungen der Wende und Perestroika. Sofia arbeitet beim Fernsehen, und ist gerade beauftragt mit einer Dokumentation über das Baltikum. Sie holt ihre Mutter, die eigentlich bereits in einer Seniorenresidenz untergebracht war, zu sich nach Berlin, in ihre riesige Altbauwohnung.

In ihrer Tasche finden sich alte Fotografien, die Sofia verwirren: Wer ist ihre Mutter? Sie beschließt die Geschichte nach den lettischen Wurzeln ihrer Mutter zum Gegenstand ihrer Reportage zu machen. Gemeinsam fahren sie nach Riga, auf der Suche nach Spuren und Erinnerungen. Immer neue Rückblenden zeigen dem Zuschauer und Sofia die idyllischen Jahre am Ostseestrand mit Hochzeitsglück und einer katastrophalen Ehe. Mit dem zweiten Weltkrieg wird auch diese Familie auseinander gerissen; Sofia findet – man hat es irgendwie geahnt – ihre wahre Mutter und den Grund für die psychische Verwirrtheit ihrer vermeintlichen Mutter.

Hannelore Elsners überzogene, manirierte Verkörperung der dementen Marga Baumanis hat mich von Anfang an daran gehindert, mich auf den Film einzulassen. Daran änderten auch die schönen Bilder nichts. Die Story erinnerte mich fatal an jene Familiengeschichten aus englischen Cottages oder norwegischen Fjorden, vor denen mich in der Regel der parallel gezeigte „Tatort“ bewahrt: Falsche Mütter, Väter, Kinder, Geschwister...Sie wissen schon. Ich bin ungerecht, das stimmt. „Das Blaue vom Himmel“ hat seine Zuschauer gefunden. Jede Demenz ist anders, und jeder Geschmack eben auch.

Ilse Eichenbrenner

Letzte Aktualisierung: 12.04.2017