Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
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Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Der Mann, der über Autos sprang

Um Missverständnissen vorzubeugen: Der Titel dieses Filmes hat nichts mit dem Unfall in einer „Wetten-Dass-Sendung“ zu tun. Der junge Mann namens Julian, ganz hervorragend gelassen verkörpert von Robert Stadlober, ist zwar vermutlich einmal über Autos gesprungen, und wird es vielleicht noch einmal tun. Doch darum geht es nicht.

Julian haut ab aus einer psychiatrischen Klinik in Berlin, denn er muss einem Auftrag folgen. Er weiß, dass im Schwarzwald der Vater seines besten Freundes einen Herzinfarkt hatte, und ist überzeugt davon, dass er ihn durch einen Fußmarsch quer durch Deutschland retten kann. Also begibt er sich auf eine Wanderung, bekleidet mit weißem Hemd und schwarzem Anzug, einen dünnen Stoffrucksack auf dem Rücken. Er möchte sich ganz auf sein Gehen konzentrieren, doch schon nach kurzer Zeit laufen ihm – als wäre er ein Guru – einige Jünger zu.

Da ist zunächst eine junge Ärztin, etwas zu trotzig gespielt von Jessica Schwarz, und später eine schöne Mutter, die sich von ihrer Familie absetzt, um ihr weiteres Leben zu überdenken. Schließlich sitzt ein kaputter Kommissar (Martin Feifel) in seinem Auto, trinkt und telefoniert und hat als Bewährungsprobe den reichlich unrealistischen Auftrag, den flüchtigen Psychiatrie-Patienten einzufangen. Julian fühlt sich gestört und abgelenkt, er wandert weiter, übernachtet im Freien, und steht an jedem Morgen in fast makelloser Kleidung wieder an der endlosen Straße.

Es gibt Interaktionen zwischen den vier Pilgern; eine Übernachtung in einem Hotel, eine Panne, eine missglückte Rückführung. Über all dem schweben einige pseudo-mystische Gedanken, die anfangs aus dem Off verkündet werden: „Der Geist hat keine Grenzen.“ Und Hape Kerkeling murmelt, dass er dann mal weg sei.

Der junge Patient ist ganz offensichtlich der Erleuchtete; seine weiblichen Jünger und der Kommissar sind ratlos und suchen nach Orientierung. Es gibt wunderschöne Aufnahmen der Fußgänger und der Landschaften, Stimmungen und Konstellationen. Ab und zu mag man sich einlassen auf diesen mystisch angehauchten Road-Movie, dann wieder wird man ungeduldig trotz oder wegen der Aura dieses komischen Heiligen.

In mir keimt der Verdacht auf, dass Autor und Regisseur Baker-Monteys sich einen anderen Fußgänger zum Vorbild nahm: Den Regisseur Werner Herzog, der einst von München nach Paris wanderte, im festen Glauben, die im Sterben liegende Filmhistorikerin Lotte Eisner retten zu können – was ihm gelang. Sie lebte noch 9 Jahre. Auch Julian ist erfolgreich, letzten Endes, und dieses Ende wird hier nicht verraten. Doch auf seiner Gratwanderung zwischen phantastischem und/oder philosophischem Gelände habe wohl nicht nur ich diesem deutschen Spielfilm die Gefolgschaft aufgekündigt.

Ilse Eichenbrenner

Letzte Aktualisierung: 12.04.2017