Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
Dachverband Gemeindepsychiatrie
Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Die Hände meiner Mutter

Auf Empfehlung von Heiner Keupp habe ich die letzte Möglichkeit genutzt, diesen Spielfilm in einem Berliner Kino zu sehen. Er wurde auf dem Filmfest München (beste Regie, bestes Schauspiel) ausgezeichnet. Produziert wurde er im Rahmen der Reihe „Kleines Fernsehspiel“ des ZDF. Eine TV-Ausstrahlung ist also zu erwarten.

Familienfest auf einem Dampfer, man kennt sich. Andreas ist mit seiner schönen Frau und seinem kleinen Sohn Adam gekommen. Andreas Mutter Renate passt häufig auf den Kleinen auf. Es wird geschwatzt, getrunken, gelacht. Plötzlich entdeckt Andreas auf der Stirn seines Sohnes eine kleine Wunde – angeblich hat er sich gestoßen. Diese kleine Wunde löst bei ihm ein unangenehmes Gefühl aus. Er ist verstört, er wird ruppig. Fast unvermittelt fällt ihm ein, dass seine Mutter zu ihm ins Zimmer unter dem Dach gekommen ist, als er noch ein Junge war. Sie hat ihn angefasst, sie ließ sich von ihm anfassen. „Gib mir deine Hand, du musst das lernen, für später!“

Der Zuschauer erfährt in sehr kurzen Rückblenden, was damals geschehen ist. Allerdings wird der Junge verkörpert von dem erwachsenen Andreas. Das irritiert zunächst, wird aber bald selbstverständlich, ja sogar stimmig. Die Gäste der Familienfeier verlassen das Schiff um in einem Hotel gemeinsam zu essen, zu feiern und zu übernachten. Andreas Vater feiert seinen 70.Geburtstag, es werden Reden auf ihn und seine Frau gehalten. Andreas versucht mit anderen Familienmitgliedern ins Gespräch zu kommen –mit seiner Schwester, seiner Tante.

In der Nacht kann er nicht schlafen und schreibt seiner Mutter einen langen Brief, den er ihr unter der Zimmertür durchschiebt. Er erzählt Monika, seiner Frau, was ihn bewegt, und sie reagiert angemessen, irritiert und verständnisvoll. Andreas Vater hat den Brief gelesen und ist empört über die Schweinereien, die er der Mutter vorwirft.

Andreas versucht in den folgenden Wochen sein Leben weiter zu leben, doch es gelingt ihm nicht. Er besucht mit seiner Frau eine Paartherapie, wo der Missbrauch zunächst außen vor bleiben soll. Das erträgt er nicht. Er sucht verschiedene Psychotherapeuten auf, die entweder nicht sofort Zeit haben, oder sich dem Thema – bei einem Mann- nicht gewachsen fühlen. Er recherchiert im Internet. Er führt vorsichtige Gespräche mit Verwandten, sogar einem Kollegen offenbart er sich.

Allmählich wird deutlich, dass in seiner Familie mütterlicherseits fast alle von Missbrauch betroffen waren: Seine ihn missbrauchende Mutter selbst, Andreas Onkel und Tante und seine Schwester. Sie meint ganz trocken: „Sie ist doch auch zu mir gekommen.“ Zeitweise war es im Dorf bekannt, auch der Vater, der sich jetzt so aufregt, wusste damals Bescheid.

Andreas zieht aus der gemeinsamen Wohnung, weil er das Verständnis seiner Ehefrau nicht mehr erträgt, ihre Nähe, seinen Sohn. Er kämpft, er resigniert, er misstraut allen. Er fehlt auf der Arbeit, er wird depressiv. Die Tante vermittelt ihn schließlich zu einer älteren Therapeutin, die auch ihr vor vielen Jahren geholfen hat. Bei ihr kann er sich endlich öffnen, Fragen stellen und beantworten und sich sortieren. Ein letzter Rückblick zeigt den kleinen großen Andreas, wie er zu seiner Mutter unter die Decke schlüpft.

Vieles, was sich in dieser Inhaltsangabe vielleicht überzogen, plakativ oder gar spekulativ anhört wird in diesem spröden Film behutsam, wortkarg und zutiefst überzeugend erzählt. Das liegt an der grandiosen Leistung des Schauspielers Andreas Döhler, der auf eine sehr männliche Weise das verletzte, manchmal auch sarkastische erwachsene Kind verkörpert. Sein Selbsthass bleibt stecken, er implodiert. Das ganze Geflecht dieses grundanständigen, bürgerlichen Clans ist unspektakulär, realistisch gezeichnet.

Es gibt in diesem Spielfilm keine dramatisch überzeichneten Täter und Opfer, sondern nur karge, tüchtige und stets das familiäre Gleichgewicht beachtende Pragmatiker. Man muss ja irgendwie weiterleben, man muss miteinander auskommen, man muss auch vergessen können und sich verzeihen…Andreas Mutter ist inzwischen krank und sitzt im Rollstuhl, als sie ihr Einverständnis für eine Zusammenkunft der ganzen großen Familie gibt, bei der Andreas endlich den Deckel hebt

Zum Thema „sexueller Missbrauch“ ist dies ein ungewöhnlicher, alltagsnaher und überzeugender Film. Im Abspann wird Terje Neraal als psychoanalytischer Berater genannt – ausführliche Hintergrundinformationen sind auf der Webseite www.diehaendemeinermutter.de zu finden.

Natürlich fragt man sich hinterher, weshalb Regisseur Florian Eichinger sich für diese ungewöhnliche Konstellation entschieden hat. Aber – immerhin 10 bis 20 % aller Missbrauchsfälle werden vermutlich von Täterinnen verübt. Ich denke aber, es ist der andere Blickwinkel, die unverbrauchte Perspektive, die der Regisseur nutzen wollte. Nach unzähligen Filmen und Romanen will man es eigentlich nicht mehr hören, und begreift es mit Andreas noch einmal neu.

Ilse Eichenbrenner

Letzte Aktualisierung: 11.04.2017