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Psychiatrie Verlag

Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern

Die hübsche, geistig behinderte Dora wird 18 Jahre alt. Die Mutter (Jenny Schily) beschließt, die sedierenden Psychopharmaka ganz und gar abzusetzen. Langsam erwacht Dora, vor allem sexuell. Sie fühlt sich von einem Fremden angezogen, läuft ihm hinterher und behelligt ihn auf der Bahnhofstoilette. Er vergewaltigt sie. Dora ist erschrocken und erregt und berichtet den Vorfall ihren Eltern, die alle Instanzen einschalten. Dora erhält sicherheitshalber die „Pille danach“. Sie begegnet erneut diesem Fremden und folgt ihm; in seinem Apartment haben sie immer wieder Sex.

Die Mutter sucht ihn in seiner Stammkneipe auf, er meint nur “Verpiss Dich“. Dora ist mündig, doch die Eltern fühlen sich verantwortlich. Sie müssen für Dora sorgen, dürfen sie aber nicht beschützen. Die Situation ist grotesk. Dora wird erneut von Peter schwanger, es folgen die Beratung und der Abbruch. Unterschiedliche Verhütungsmittel werden von der eigenwilligen Dora sabotiert. Als zusätzlichen Konflikt baut das Drehbuch einen heftigen Kinderwunsch der Mutter ein - sie hätte so gerne ein zweites Kind.

Als Dora erneut schwanger wird und das Kind austragen will ist die Mutter so eifersüchtig und wütend, dass Dora ausziehen muss. Sie lebt nun in einer Wohngemeinschaft zusammen mit einem Paar mit Down-Syndrom, das sie bereits kennt. Doch sie hat Heimweh. Dora hat einen dicken Bauch, und sie will Peter heiraten. Peter verspricht ihr einen Flug nach Las Vegas, doch er lässt sie in ihrem schönen Hochzeitskleid auf dem Flughafen sitzen. Der Film endet mit dem Blick in die Entbindungsstation und mit Doras fragendem Ruf „Mama, Mama?“.

Dieser Film wühlt auf und haut um. Er basiert auf einem seit Jahren erfolgreich aufgeführten gleichnamigen Theaterstück von Lukas Bärfuss, und war auf der 65. Berlinale in der Reihe „Panorama“ zu sehen. Die filmische Umsetzung ist formal in jeder Hinsicht perfekt; die je eigene Sicht auf die Welt, auf die Menschen und ihre Sexualität ist durch unterschiedliche filmästhetische Mittel hervorragend umgesetzt.

Die nichtbehinderte Schauspielerin Victoria Schulz verkörpert Dora absolut kongenial; Lars Eidinger als egoistischer Erotomane schafft es, den Film ganz und gar aus der Dunstglocke aller Inklusions-Nettigkeiten herauszuheben. Darf das sein, kann das sein? Zur Vertiefung der Thematik sei dieser brillante Film ausdrücklich empfohlen.

Ilse Eichenbrenner

Letzte Aktualisierung: 11.04.2017