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Psychiatrie Verlag

Ein Tick anders

Ein Spielfilm, in dem die Hauptperson am Tourette-Syndrom leidet, hatte 2010 großen, und vor allem lang andauernden Erfolg an den Kinokassen: „Vincent will Meer“. Ich hatte zunächst den Verdacht, dass „Ein Tick anders“ diesen Erfolg nachahmen will.

Allerdings wurde der Film bereits 2010 gedreht – das ist ein wenig zu knapp, um auf dem Trittbrett zu fahren. Aber schauen wir uns das Produkt einmal an.

Die 17jährige Eva lebt im aufregenden Marl und beschäftigt sich am liebsten mit ihren Molchen an einem See im Wald. Die Schule hat sie bereits verlassen, um dem Mobbing ihrer Klassenkameraden zu entkommen: Sie hat einen Gehirn-Schluckauf, sprich ein Tourette-Syndrom. Das äußert sich natürlich – wie könnte es anders sein – in Fäkalausdrücken an der falschen Stelle. Das Kino, in dem ich sitze, ist gut gefüllt mit weiblichen und männlichen Teens, die Eva aufmerksam belauern, und jedes „Aaaarschgeige“ und „Fffffotze“ wiehernd bejubeln.

Damit ist der Film und die Funktion der verbalen Entgleisungen bereits ausreichend beschrieben: Die gut informierte Jugend weiß, dass das Tourette-Syndrom eine Krankheit ist. Wunderbar. Also darf der Kranke – quasi stellvertretend - fluchen und mit Obszönitäten um sich werfen. Endlich darf man lachen, und weil dabei der Hauch eines schlechten Gewissens mitschwingt, ist das Lachen manchmal schadenfroh. Aber nur manchmal. Viele Protagonisten in diesem Film reagieren überhaupt nicht auf die Entgleisungen, denn sie kennen ja ihre Eva und wissen, wie sie „tickt“; andere sind schockiert, und nur dann ist der jugendliche Zuschauer wirklich zufrieden.

Damit Eva nicht stigmatisiert wird ist das gesamte Personal des Films ebenfalls nicht ganz dicht: Der Vater ist Autoverkäufer und ein Trottel, die Mutter Mitglied in einer Tourette-Selbsthilfegruppe und kaufsüchtig. Die wunderbare Großmutter spielt ab und zu „Sterben“ oder jagt mit selbstgebastelten Bomben den Staubsauger in die Luft; der Onkel ist bekennender Kleinkrimineller und dilettierender Gitarrist und komponiert für einen Wettbewerb einen Song mit dem Titel „Arschlicht“. Es sind die üblichen albernen Zutaten für einen erfolgreichen Kinder- und Jugendfilm.

Neu und anders und hochwertig ist die Sicht auf die Bewältigungsstrategien der jungen Klientin. Sie genießt ihre verbalen Entgleisungen keineswegs, sondern versucht sie – mal mehr, mal weniger – zu verhindern. Und dies zeigt der Film auf ungewöhnliche Weise. Sie hat immer ein gut gekühltes Cool-Pack in der Tasche, und klebt sich dies mit Spucke an die Stirn, wenn sie Fehlzündungen verhindern will. In einer besonders delikaten Situation hat sie sich unter einem Schreibtisch versteckt, und darf auf keinen Fall einen Mucks von sich geben. In schönen Bildern wird ihre ungeheure Anspannung visualisiert, und man ist mit ihr zusammen ganz erleichtert, als sie sich wieder entspannen und explodieren darf.

Für Erwachsene, vor allem Profis ist „Ein Tick anders“ streng verboten. Für bekiffte Knalltüten, Berliner Jungs im Sommerloch oder den Nachwuchs von psychiatrisch Tätigen machen wir mal eine Ausnahme.

Ilse Eichenbrenner

 

 

Letzte Aktualisierung: 12.04.2017