Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
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Psychiatrie Verlag

Eine dunkle Begierde

Vielleicht ist diese Aufgabe nicht zu bewältigen: Ein marginales historisches Ereignis beschreiben, mit dem sich die Hälfte der vielen Damen und wenigen Herren im Zuschauerraum seit Jahren intensiv auseinander gesetzt hat. Eine Episode, die jede der anwesenden Psychoanalytikerinnen bestens kennt und vermutlich anders bewertet. Eine Episode für Auserwählte, die vielleicht sogar den erst vor kurzem veröffentlichten Briefwechsel zwischen Spielrein, Freud und Jung gelesen haben.

Diese Episode soll der vor uns liegende Spielfilm nun nicht nur beschreiben, und nacherzählen, sondern so inszenieren, dass wir uns mit mindestens einem der Protagonisten identifizieren und vollkommen aufgewühlt das Kino verlassen. Hundert mal gelesen, tausend mal analysiert, und nun endlich berührt?

Der Spot ist gerichtet auf den jungen Psychiater Carl Gustav Jung, der von dem derzeit zu großem Ruhm aufblühenden Schauspieler Michael Fassbender eindringlich dargestellt wird. Weniger zweifelnd und vielleicht eine Spur zu glatt kommt Viggo Mortensen als Sigmund Freud daher, pausenlos an einer dicken Zigarre saugend. Zwischen den beiden Herren die hagere Keira Knightley, die als hysterisch/histrionische Sabina Spielrein ganz grässlich ihr Gesicht verzerren und aus einem vorgeschobenen Unterkiefer heraus mehr bellen als sprechen muss.

Und so geht es los: Einfahrt einer Kutsche vor dem Züricher Hospital Burghölzli, wo Sabina Spielrein zuckend und sich windend von Wärtern zum Eingang geschleift wird. Der junge C.G. Jung wird an ihr eine neue Behandlungsmethode erproben: die Rede-Kur. Er beginnt sogleich, in dem er sich auf einen schlichten Stuhl hinter sie setzt. Sabina Spielrein, die junge hochbegabte Russin stammelt von der Hand ihres Vaters, von etwas Weichem an ihrem Rücken. Viel mehr erfährt man nicht über ihre Traumatisierung und auch nicht über die revolutionäre Therapie. Doch sie wirkt.

Später wandelt C.G.Jung mit Fräulein Spielrein durch den Park, und ihr Mantel fällt auf den Boden. Als er den Staub mit einem Stock aus ihrem Mantel klopft drängt die Patientin panisch auf sofortige Rückkehr. Erst später erfährt man, dass die Schläge ihres Vaters – und nun die Schläge des Behandlers – sie scharf machen, sexuelle Lust in ihr entfachen. Ihre masochistische Neigung wird von dem jungen Analytiker erkannt und damit entschärft und Sabina Spielrein kann ihr Medizinstudium fortsetzen.

Jung bekommt von Freud einen ganz besonderen Patienten zugewiesen: Den rauschgiftsüchtigen Psychiater Otto Gross, der eine polygame Lebensform propagiert, und den treuen Ehemann Jung aus dem Gleichgewicht bringt.

Sabina Spielrein will Analytikerin werden, und sie weiß, dass die Sexualität Dreh- und Angelpunkt des Freud’schen Kosmos ist. Sie braucht Erfahrung, und sie steht nun zu ihrem Verlangen. Sie macht Carl Gustav an, doch Carl Gustav ist ja längst entfacht, aber auch glücklich verheiratet und steht schließlich doch vor ihrer Wohnungstür. Die beiden fallen übereinander her, liegen auf- und untereinander, und ab und zu muss Jung mit einer Gerte auf Sabinas Gesäss einschlagen.

Es kommt zur ersten persönlichen Begegnung der beiden späteren Kontrahenten in der Berggasse in Wien. Jung isst mit der großen Familie Freuds, er geht mit ihm flanieren, er geht mit ihm ins Kaffeehaus, und nachdem sie dreizehn Stunden miteinander geredet haben sind sie Freunde. Doch sie bleiben es nicht. Jung möchte heilen, er möchte Geheimnisse ergründen und Freud ärgert sich über seine parapsychologischen Hirngespinste und möchte seine Theorie nicht angreifbar machen. Die beiden fahren mit einander nach Amerika, und erzählen sich auf der langen Passage ihre Träume.

Es gibt eine kleine, aber höchst folgenreiche Sequenz: Jung erzählt Freud einen Traum; doch dann meint Freud, er könne ihm – Jung – seinen eigenen Traum nicht erzählen, denn dann verliere er seine Autorität. Damit, so meint Jung später, habe er sich entlarvt.

Jung beendet die Affäre mit Sabina, weil ihn sein schlechtes Gewissen nicht in Ruhe lässt. Anonyme Briefe machen die Runde, auch Freud erfährt von dem Gerücht. Jung schläft mit seiner berühmtesten Patientin? Jung leugnet, Sabina setzt ihn unter Druck. Er will mit ihr nur noch ein Arzt-Patient-Verhältnis. Sie verlangt die Wahrheit: Dass er Freud gegenüber die Affäre mit ihr bestätigt, und dass Freud dann ihr wiederum mitteilt, dass er es weiß. Freud schreibt ihr schließlich und äußert sein Bewunderung für den Kompromiss, den sie gefunden hat.

Jung, der eigentlich Freuds Nachfolger werden sollte, wird zum Gegner. Man ahnt mit Jung– es ist 1912 – dass es dunkel in Europa werden wird. Am Ende des Films besucht die schwangere Sabina Spielrein C. G. Jungs Familie. Sie hat geheiratet, sie wird in Russland leben und praktizieren. Sie verabschiedet sich. Sie sitzt im Garten mit Jungs wunderschöner junger Frau, bewundert die drei Kinder, führt am Ufer des Zürichsees ein letztes offenes Gespräch mit Jung. Die Begegnung mit ihr werde für immer das wichtigste in seinem Leben bleiben, meint Jung. Keiry Knightley reist ab, wieder in einer Kutsche, weint bitterlich und windet sich.

Wer Cronenberg als Zauberer schätzt, der das Unbewusste und den Wahn (wie in „Spider“) genial zu visualisieren vermag, der wird von „A dangerous method“ enttäuscht sein. Wer aber die Spannung schätzt, die zwischen Menschen, Worten und Inhalten entstehen kann, der wird glücklich vor sich hin lächeln. Das liegt nicht zuletzt an den grandiosen Schauspielern. Da sitzen sie, eingesperrt in steife Anzüge und Gewänder und Herrenzimmer und sprechen über die ungeheuerlichsten, unfassbaren Geheimnisse. Das ist kaum zu glauben, doch unter cineastischem Blickwinkel schlichtweg banal.

Ilse Eichenbrenner

Letzte Aktualisierung: 12.04.2017