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Psychiatrie Verlag

Empörung

Das Drehbuch des amerikanischen Spielfilms „Indignation“ (Empörung) beruht auf der gleichnamigen Romanvorlage von Philip Roth, und orientiert sich an biographischen Details des berühmten jüdisch-amerikanischen Autors.

Wir befinden uns in den fünfziger Jahren, und den jungen Männern droht der Militärdienst in Korea, in dem viele von ihnen fallen. Viele Eltern erhalten Todesnachrichten und sind verzweifelt. Der hochbegabte Marcus Metzner ist deshalb froh über seinen Studienplatz in Ohio, denn nur wer studiert wird nicht eingezogen. Endlich kann er sich von seinem jüdischen Elternhaus lösen, vor allem von seinem überängstlichen und dominierenden Vater, in dessen Metzgerei er mitgearbeitet hat. Im College wird er einem Zimmer zugewiesen, in dem bereits zwei ebenfalls jüdische Kommilitonen wohnen. Marcus ist bemüht, nicht weiter aufzufallen, doch es gelingt ihm nicht immer.

So ist er hochgradig empört über die Vorschrift, die christlichen Gottesdienste des Colleges besuchen und dies sogar schriftlich nachweisen zu müssen. Er ist Agnostiker und empört. Auf illegalem Weg besorgt sich Marcus die vorgeschriebenen Bestätigungen. Er ist zunehmend genervt von seinen Zimmergenossen und bittet um ein anderes Zimmer, das er auch erhält. Nun wohnt er in einem kleinen Einzelzimmer unter dem Dach. Doch er wird genau deshalb beim Dekan einbestellt, mit dem er sich in ein quälend langes Rededuell über Recht und Moral verstrickt.

Endlich verabredet er sich mit einer hübschen Kommilitonin zum Essen und ist nachhaltig verstört, als ihm Olivia bei der Rückfahrt im geliehenen PKW unverhofft eine sexuelle Gunst erweist. Er kann es einfach nicht fassen, dass ein normales, anständiges junges Mädchen „so etwas tut“. Nach einem weiteren Konflikt mit dem Dekan unter anderem wegen Olivia, die eine psychiatrische Vorgeschichte hat, erbricht er und kollabiert; er landet im Krankenhaus, der Blinddarm muss entfernt werden. Auch hier besucht ihn Olivia und greift unter die Bettdecke; eine Schwester ertappt die beiden. Marcus Mutter kommt und hat mit ihren Argusaugen längst entdeckt, dass die Studentin Narben an beiden Handgelenken hat.

Sie spricht freundlich mit Olivia, doch danach nimmt sie Marcus ins Gebet: Er dürfe alles tun, wirklich alles, aber auf keinen Fall dürfe er sich noch einmal mit einer Frau treffen, die sich die Handgelenke aufschneide – und Marcus beendet den Kontakt. Sein vorgetäuschter Besuch des Gottesdienstes fliegt auf; er wird suspendiert, rekrutiert und in Korea getötet.

Der junge Schauspieler Logan Lerman verkörpert den ehrgeizigen Studenten kongenial; auch Tracy Letts als Dekan überzeugt enorm. Oberflächlich betrachtet ist „Indignation“ ein Coming-of-Age-Film, wie es viele gibt. Aber nein, er ist eindringlicher, ernsthafter, authentischer, sicher bedingt durch die autobiographisch geprägte literarische Vorlage. Ich vermute stark, dass „Indignation“ den Weg auf unsere Displays und Flatscreens schaffen wird, vielleicht sogar auf die großen Leinwände, früher oder später.

Ilse Eichenbrenner

Letzte Aktualisierung: 02.11.2017