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Extrem laut und unglaublich nah

Der Spielfilm „Extrem laut und unglaublich nah“ des erfolgreichen Regisseurs Stephen Daldry (The Hours, Der Vorleser) wurde bei der diesjährigen Berlinale zwar im Wettbewerb gezeigt, aber außer Konkurrenz. Literarische Grundlage ist der gleichnamige Roman von Jonathan Safran Foer. Ganz im Zentrum steht der elfjährige Oskar Schell, der seinen Vater (Tom Hanks) ein Jahr zuvor beim Terroranschlag 9/11 verloren hat.

Dieser Junge ist eigenartig; er hat keinen Kontakt zu anderen Kindern, organisiert und recherchiert ununterbrochen und fürchtet sich vor Brücken, U-Bahnen und Aufzügen. Die Klänge eines Tambourins, das er immer bei sich trägt, beruhigen ihn. Oskar ist aus dem Off fast ununterbrochen zu hören; im tatsächlichen Leben scheint er kaum zu sprechen. Man habe ihn auf Asperger getestet, erwähnt er beiläufig, aber die Ergebnisse seien nicht eindeutig. Oskar hat an seinem Vater sehr gehangen; der hat ihn mit phantasievollen Exkursionen und Schnitzeljagden durch die ganze Stadt geführt. In seinem Nachlass findet Oskar in einem Umschlag mit der Aufschrift „Black“ einen Schlüssel.

Diese Spur muss er verfolgen, das Rätsel lösen, um die Verbindung zum toten Vater nicht zu verlieren. Oskar findet im Telefonbuch von New York City 472 Personen mit dem Namen Black, die er alle nach dem Schloß zu dem gefundenen Schlüssel befragen will. Da er alle Adressen zu Fuß abläuft muss er Pläne und Suchsysteme entwickeln; nach einigen Wochen und Monaten lernt er einen stummen alten Mann kennen (Max von Sydow) der ihn auf seiner Suche begleitet. Das Rätsel wird schließlich gelöst, aber das ist fast unbedeutend, denn natürlich ist der Weg – die Rückkehr ins Leben - das Ziel. Oskar rast geradezu panisch mit Rucksack und Tambourin durch die Straßen New Yorks,und befragt die Blacks, von Aby bis Zoe, und lernt dabei ein Panoptikum aller Menschen kennen, die mit ihm in dieser Stadt ebenfalls weiter leben.

Dieser Film ist mainstream und Hollywood und trotzdem ungeheuer klug und bezaubernd. Die Geschichte ist rasant und empathisch, voller Magie und Überraschungen und am Ende ein wenig kitschig; die zahllosen Karteikarten und Pläne mit Pfeilen und Piktogrammen und die Hefte mit sorgsam eingeklebten Aufklappbildern und Kommentaren hätte ich am liebsten geklaut und in meine Schatzkiste gesteckt. Dem unfassbar wunderbaren Darsteller des Oskar Schell mit dem Namen Thomas Horn lag die Pressekonferenz der Berlinale zu Füßen. So do I.

„Extrem laut und unglaublich nah“ läuft in einer synchronisierten Fassung in den Kinos. Ich empfehle das Original (notfalls mit Untertiteln).

Ilse Eichenbrenner

Letzte Aktualisierung: 12.04.2017