Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
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Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Gabrielle – (k)eine ganz normale Liebe

Die PR-Abteilung des Verleihs hat versucht, den ganzen Film in den Titel zu packen. Wir ahnen also bereits – es geht um eine Liebesgeschichte zwischen Menschen mit Behinderung. Da der Film in Kanada spielt müsste es politisch korrekt „mentally challenged people“ heißen. Glücklicherweise kommen derartige Worthülsen in diesem lebensnahen Film nicht vor. Ganz im Gegenteil wird äußerst differenziert dargestellt, wo der Wunsch nach Inklusion an seine Grenzen stößt, obwohl die auch im realen Leben geistig behinderte Darstellerin der Gabrielle alle entscheidenden Kulturtechniken beherrscht, sich ausgezeichnet orientieren kann und sich wacker um ihren Diabetes kümmert.

Aber es reicht eben nicht. Die hübsche Gabrielle lebt in einer Wohngruppe, betreut von sympathischen, engagierten Sozialpädagogen. Auch ihre Schwester Sophie ist Sozialpädagogin, und sie würde gerne zu ihrem Freund nach Indien umsiedeln, mit dem sie jeden Abend per Skype kommuniziert. Sie ist die wichtigste Bezugsperson für Gabrielle; sie traut ihr einiges zu, manchmal zu viel, und muss dann immer wieder die Scherben beseitigen.

Gabrielle hat eine beschützte Tätigkeit in einem Großraumbüro; sie leert die Papierkörbe mit sensiblem Inhalt in den Büros und füttert den Reißwolf. Sie besucht häufig ein Freizeitzentrum, wo sie schwimmen geht und vor allem im Chor singt. „Die Musen von Montreal“ heißt die Gruppe, und der Film beobachtet die Proben über einen längeren Zeitraum hinweg. Die Teilnahme an einem großen Chorkonzert ist geplant, wo die „Musen von Montreal“ einen berühmten Popsänger begleiten werden. Gabrielle hat das absolute Gehör und nimmt eine zentrale Rolle – häufig als Vorsängerin – ein; auch der hübsche Martin singt mit Begeisterung, und die beiden verlieben sich ineinander. Nun gehen die Probleme los. Die beiden möchten zusammenleben und vor allem möglichst sofort Sex miteinander haben. Gabrielle kämpft dafür all das zu bekommen, was alle anderen auch haben, nämlich eine eigene Wohnung und einen Partner. Martin arbeitet in einer Tierhandlung und lebt bei seiner Mutter und scheut vor jedem Konflikt zurück.

Der Film konzentriert sich nun ganz auf dieses Milieu der Betreuung und Versorgung, ohne es als abgeschottetes Ghetto zu denunzieren. Die abgeschirmte Welt der WG und des Freizeitzentrums franst an den Rändern aus, hat kleine fließende Übergänge in die Alltagswelt der Angehörigen, und doch bleibt es eine Insel. Es kommt zu einem gemeinsamen Gespräch in der WG, wie sie wohl zu Tausenden überall auf der Welt im Zuge der Inklusion stattfinden: Das Liebespaar, ihre Angehörigen, die WG-Betreuer versuchen die gemeinsame Zukunft der beiden auszuhandeln. „Weshalb ist Gabrielle nicht operiert?“ fragt Martins Mutter. „Weshalb ist Martin nicht vasektomiert?“ fragt frech Gabrielles Schwester.

Die Betreuer betonen, dass Gabrielle sehr wohl mit einem Kondom umgehen könne. Das Gespräch eskaliert, Martins Mutter bekommt es mit der Angst zu tun und Martin darf nicht mehr ins Freizeitzentrum und beginnt eine Tischlerlehre. Vor allem Gabrielle leidet unter der Trennung, sie rebelliert und weint und flüchtet zur Schwester, die eigentlich längst in Indien sein wollte. Der Film endet mit dem grandiosen Auftritt der „Musen von Montreal“ auf einem großen echten Festival. Doch bevor es losgeht verkriechen Martin und Gabrielle sich unter der Bühne, mampfen Pommes und holen nach, was es nachzuholen gilt.

So bleibt der Film ohne wirkliche Auflösung, ohne die Ziele und Indikatoren einer aktuellen Hilfeplanung. Mit seiner überschwänglichen Grundstimmung trägt er vielleicht dazu bei, dass alle Trialogpartner im Bereich von „geistig herausgeforderten Menschen“ optimistisch daran gehen, Inklusion im Alltag umzusetzen. Denn für sie, vor allem für sie ist dieser Film uneingeschränkt zu empfehlen.

Ilse Eichenbrenner

Letzte Aktualisierung: 12.04.2017