Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
Dachverband Gemeindepsychiatrie
Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

Hirngespinster

Rechtzeitig zum „Welttag der seelischen Gesundheit“ am 10.10. 2014 war der Spielfilm „Hirngespinster“ in einigen kleineren Kinos angelaufen. Am 19.10.2016 läuft er nun auf dem populären Sendeplatz „Filmmittwoch im Ersten“ um 20.15 Uhr in der ARD.

Die Gespinster im Kopf hat Hans, ein erfolgreicher Architekt, der sich abgehört und ausgespäht fühlt. Hans lebt mit Ehefrau Elli, dem zweiundzwanzigjährigen Simon und der kleinen Tochter Maja im eigenen Haus. Seine Freunde haben ihn aus der gemeinsamen Firma geworfen, weil er die Büroräume mit Schutzfolie auskleiden wollte. Nun beteiligt er sich an Ausschreibungen und Wettbewerben.

Die Handlung beginnt damit, dass die Nachbarn eine Satellitenschüssel auf ihr Dach montieren lassen. Hans zerstört in einer nächtlichen Aktion die Leitungen, und wird von seinem Sohn Simon dabei ertappt. Als Monteure erneut eine Schüssel installieren wollen werden sie von Hans angegriffen, er wird von der Polizei in die Psychiatrie gebracht. Dort war er bereits mehrfach, doch krankheitseinsichtig noch nie. „Geht es Dir wieder besser“ fragt die kleine Maja nach der Entlassung. „Wer sagt denn, dass es mir schlecht geht“, meint er knapp. Er verweigert die Medikation, wischt sie in der Klinik abrupt vom Tisch oder schlägt sie der Krankenschwester aus der Hand.

Nach der Entlassung versucht Elli ihren Mann zur Medikamenteneinnahme zu bewegen, aber die Pillen landen im Abfall. Man hat Verständnis als Zuschauer und wird zu Ellis Komplizin, wenn sie die Pillen mörsert und in den Schokoladenpudding rührt. Simon, stets vernünftig und korrekt, missbilligt den Betrug seiner Mutter, der dann auch auffliegt, als Maja den kontaminierten Pudding des Vaters aufessen möchte.

Es passiert genug in diesem Film, ohne dass die Handlung Kapriolen schlägt. Man ist schon angespannt und aufgeregt genug, ohne dass ständig Spektakuläres geschieht. Hans schaut stets misstrauisch, argwöhnisch und ein wenig verächtlich herab auf seine Mitmenschen. Der schöne Schauspieler Tobias Moretti ist kaum wieder zu erkennen; seine Gesichtszüge sind grob, die Pupillen ganz nach oben, in eine andere Welt gerichtet.

Auf die Visualisierung des Wahns und der Halluzinationen verzichtet der Film in kluger Weise ganz und gar. Hans ist ein stolzer Ritter im Kampf; nur mit der kleinen Maja scherzt er, immer ein wenig „über dem Strich“. Als sie sich ein Tischgebet wünscht spricht er „Lieber Gott wir danken Dir, dass die Kinder in Afrika hungern und nicht wir“.

Die Familie lebt in beständiger, höchster Anspannung. Der Vater ist unzugänglich, ein Fremder im eigenen Haus, um den sich alles dreht, vor dem sich alle fürchten, um den sich alle sorgen. Simon fragt im Krankenhaus den behandelnden Arzt, was er ihn offensichtlich schon oft gefragt hat: Gibt es keinen Test? Wie kann ich wissen, dass ich nicht auch diese Krankheit bekomme? Er fragt die Mutter nach dem Beginn der Erkrankung, denn es ist sein aktuelles Alter.

Er lebt unterhalb seiner Möglichkeiten, fährt den Schulbus, bis die Eltern der Schulkinder nicht mehr damit einverstanden sind, dass der Sohn eines Irren ihre Kinder transportiert. Simon lernt Verena kennen, eine lebenslustige junge Frau, die im Krankenhaus ein Praktikum macht. Sie gibt ihm den Mut die Familie zu verlassen, und mit seiner Zeichenmappe nach Hamburg zu gehen.

„Hirngespinster“ ist kein großer, wegweisender Wurf, es ist nicht der Psychiatriefilm des Jahrzehnts, aber des Jahres vielleicht schon. Er ist gedreht aus der Perspektive des Angehörigen, des heranwachsenden Sohnes, der in fataler Weise gebunden ist. Es ist der Erstlingsfilm eines hochbegabten jungen Regisseurs, der all dies bei einem Freund erlebt hat. Der Film lebt durch seine rundum hervorragende Besetzung. Für seine verstörende Darstellung des schizophrenen Vaters wurde Tobias Moretti mit dem Bayrischen Filmpreis ausgezeichnet.

Bei der Besprechung eines Films mit psychiatrischem Sujet darf die Einschätzung des Antistigma-Effekts nicht fehlen: Der Film verklärt die psychische Erkrankung nicht, sondern zeigt auch ihre erschreckenden Seiten. Das macht ihn glaubhaft und realistisch. Trotzdem verzichtet er auf unangemessene Gewalt. Als Simon erfährt, dass sein Vater nur eingewiesen werden kann, wenn er sich selbst oder andere gefährdet, da provoziert und schlägt er ihn.

Doch Hans schaut ihn nur verächtlich an und wendet sich ab. Die Schizophrenie wird dem Zuschauer als ernste Störung vorgestellt, mit der es sich aber leben lässt: Als Betroffener und als betroffene Familie – zu einem hohen Preis. Angehörige, Psychiatrie-Erfahrene und Profis werden meine Einschätzung kritisch prüfen. Zu heftig, zu realistisch, zu überzogen?

Ilse Eichenbrenner

Letzte Aktualisierung: 12.04.2017