Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie
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Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Psychiatrie Verlag

In guten Händen

Unter dem zweideutigen Titel „In guten Händen“ kommt pünktlich zu Weihnachten dieser Film für die ganze Familie in die Kinos. Ich hätte ihn links liegen lassen, wenn er nicht zumindest in Berlin ein ungewöhnlich geteiltes Presse-Echo ausgelöst hätte. Von einem kategorischen „unterirdisch“ im Berliner Tagesspiegel geht es die Latte hoch bis zum Filmdienst: „pointensichere Komödie...clevere Dialoge, ein hervorragendes Schauspieler-Ensemble“. Ja was denn nun?

Das Kino ist bis auf den letzten Platz mit lachhungrigem Publikum gefüllt. Der junge Arzt Mortimer Granville hat sich zu viel mit moderner Fachliteratur beschäftigt und fliegt schon wieder aus seinem Job, weil er sich einbildet, mit Sauberkeit und Desinfektion statt mit dem guten alten Aderlass die Kranken heilen zu können. Er bekommt eine Anstellung bei einem Frauenarzt, der sich auf die manuelle Behandlung bzw. Befriedigung an Hysterie leidender Frauen spezialisiert hat. Die Damen legen sich flach, das Unterteil wird züchtig mit einem kleinen Baldachin bedeckt, und der Arzt legt los. Nach einigen Minuten, manchmal auch Stunden wird bei den Patientinnen so eine Art Heilkrampf ausgelöst. Die teure Behandlung erfolgt in der Regel wöchentlich, manchmal auf Wunsch auch täglich.

Das ist der Kern der Handlung. Ein zweiter Strang widmet sich den beiden Töchtern des Frauenarztes, von denen die eine hübsch und klug, die andere (Maggie Gyllenhaal) hübsch, klug und sozial engagiert ist. Ganz zum Leidwesen ihres Vaters hat sie ein „Settlement“ aufgebaut, wo sie sich den Ärmsten der Armen widmet, und dafür natürlich jede Menge Geld benötigt. Der hübsche Nachwuchsdoktor verlobt sich erst mit der einen, und dann mit der anderen, was den Zuschauer nicht sonderlich verblüfft. Im Hintergrund agiert Rupert Everett alias Lord Edmund St. John-Smythe als schwuler und reicher Erfinder. Dem jungen promovierten Handarbeiter lahmt nämlich schon nach wenigen Wochen die Hand - vielleicht gar eine Sehnenscheidentzündung? Mit der Linken bringt er’s nicht, also fliegt er raus. Sein erfinderischer Mäzen, der gerade ein elektrisches Staubwischgerät entwickelt hat ändert ein paar Details, und schon ist der erste Prototyp eines Massage-Geräts auf dem Markt, und Mr. Granville und der Erfinder sind reich, und können mit ihrem Geld die Armen retten.

Es gibt ein paar höchst aktuelle sozialkritische Kommentare in diesem Film, nahezu alle herausgeschmettert von der jungen Suffragette und Ehefrau in spe: Die Hysterie sei in Wirklichkeit keine Krankheit, sondern ein Sammelbegriff für die Unpässlichkeiten all der gelangweilten und verwöhnten Hausfrauen, die von ihren Männern nicht auf die richtige Weise oder nicht häufig genug geliebt werden. Die armen Frauen ihres Zentrums seien so mit dem Überleben beschäftigt, dass sie für derartige Wehwehchen gar keine Zeit hätten.

Das erinnert zunächst an die aktuellen Ressourcenkämpfe zwischen harter Psychiatrie und weicher Psychosomatik, vor allem mit Blick auf das sich epidemisch ausbreitende Burn-Out-Syndrom. Das weckt vermutlich nicht nur meine Sympathie. Doch halt: Schräg und schief werden diese Vorwürfe, weil Drehbuch und Film die Hysterie bagatellisieren, ja sogar lächerlich machen. Da wird kein einziges Symptom gezeigt, das einen Arztbesuch rechtfertigen würde.

Die Ladies sind etwas unglücklich, treffen das hohe C nicht mehr, haben schlüpfrige Gedanken oder erröten all zu leicht. Spätestens dank der fulminanten Darstellung von Keira Knightley in „Eine dunkle Begierde“ aber wissen wir, dass die Hysterie ihre Opfer, seien sie auch noch so verwöhnte Gören, gequält und zerstört und manchmal sogar in den Rollstuhl gezwungen hat. Ende der Predigt.

„In guten Händen“ ist mir persönlich zu sehr Klamauk und Klamotte. Die Dialoge sind geschliffen und die Handlung erfreulich turbulent. Im Abspann ist zu erfahren, dass das Krankheitsbild Hysterie 1952 abgeschafft wurde. Links und rechts der Credits sind die Modelle unterschiedlichster Vibratoren-Modelle von 1900 bis 1990 abgebildet. Vor allem die männlichen Zuschauer sind entzückt.

Ilse Eichenbrenner

Letzte Aktualisierung: 12.04.2017