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Psychiatrie Verlag

In meinem Kopf das Universum

„In meinem Kopf das Universum“ ist einer der schönsten Filme zum Thema Behinderung, der in den letzten Jahren den Weg in einen regulären Verleih gefunden hat. Dieser polnische Spielfilm basiert auf einer authentischen Geschichte. Und es ist diese Geschichte, die hängenbleibt: Wie viele schwerstbehinderte und kommunikationsunfähige Menschen versuchen wohl, mit uns Kontakt aufzunehmen, als seien sie Aliens von einem anderen Planeten? Mateusz ist infolge einer cerebralen Bewegungsstörung unfähig zu kommunizieren. Nur seine Augen blicken mit höchster Intensität. Er kann sich nur robbend auf dem Boden fortbewegen.

Er verbringt den ganzen Tag ruckend und zuckend auf der Fensterbank seiner Familie, die ihn liebevoll umsorgt. Aus dem Off kommentiert die innere Stimme von Mateusz die Handlung; eher spärlich, manchmal ironisch, mit einem frühen Seitenblick auf die Brüste der Mädchen und Frauen aus der Nachbarschaft. Seine Mutter glaubt fest an seine versteckten kognitiven Fähigkeiten; eine Gutachterin meint, er sei „so etwas wie Gemüse“. Als der Vater verunglückt und die Mutter mit der Pflege überfordert ist kommt er in eine Behinderteneinrichtung. Auch hier geht man davon aus, dass er gravierend geistig behindert ist.

Eine Praktikantin tobt sich kurzfristig an ihm aus und stellt ihn bei einer Geburtstagsfeier als ihren Verlobten vor, um die Familie zu provozieren. Dann ist sie auch schon wieder weg. Die Mutter besucht ihn regelmäßig und pinnt die Postkarten des Bruders an die Wand, der zur See fährt. Weil man Mateusz immer im Liegen füttert beißt er sich auf die Lippen, also werden ihm die Schneidezähne gezogen. Eines Tages beobachtet er, wie eine Pädagogin einem anderen Behinderten Symbole zeigt, um zu prüfen, ob er zu einer rudimentären Kommunikation in der Lage ist. Mateusz randaliert im Rahmen seiner Möglichkeiten, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen.

Man hält die Luft an: Er hat nur diese eine Chance, und er nutzt sie, und wird erkannt. Er reagiert auf die unterschiedlichen Symbole, und kann auf diesem Weg erstmals Verbindung zur Welt aufnehmen. Er kann sich mitteilen. „Ich bin kein Gemüse“ wird der erste Satz sein, den er mühsam aus vielen Zeichen zusammensetzt. Er bleibt zwar in der Einrichtung, wird nun aber gefördert und unterstützt und erhält ein Teleskop, um seine geliebten Sterne zu beobachten. Er lebt weiterhin ein Leben auf niedrigstem Niveau - es gibt keine kitschige Wende à là Happy End.

Der Film ist an authentischen Orten mit „echten“ Protagonisten gedreht; er verzichtet konsequent auf Schwarz-Weiß-Malerei – keiner ist böse, keiner hat Schuld. Der wahre Skandal ist die Unerhörtheit eines Menschen, der nur einer von vielen Unerhörten ist.

Ilse Eichenbrenner

Letzte Aktualisierung: 11.04.2017